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Rezension zu Caroline Neubaur: Der Psychoanalyse auf der Spur


(Verlag Vorwerk 8, Berlin 2008, 662 Seiten, SFr. 80.90)

Isolde Eckle
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 2]


1975 fing Caroline Neubaur an, über psychoanalytische Kongresse zu schreiben, für die FAZ, für die SZ und für den Rundfunk. Bald aber war jeder psychoanalytische Kongress durch ihre Anwesenheit und ihre klugen Rezensionen geadelt. Die Psychoanalyse hat sich immer schwer getan mit den Journalisten, auch und gerade mit den klugen, wohlwollenden (Alfred Döblin konnte schon 1922 nur mit Mühe über den Berliner Kongress, dem letzten, an dem Freud persönlich teilnahm, berichten). Bis 2007 hat Caroline Neubaur kritisch, wohlwollend und dezidiert mit ihren klugen Einschätzungen durchgehalten, - eine wertvolle Begleiterin, Augen- und Ohrenzeugin, Weggefährtin des Unternehmens "Psychoanalyse" - über ¼-Jahrhundert. Für ihr Gesamt(kunst)werk wurde sie jetzt von der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) mit einem Preis geehrt.

Ihr wichtigster akademischer Lehrer, Klaus Heinrich, hat ihrem Gesamtwerk ein bewegendes Vorwort gewidmet und hat so den geistesgeschichtlichen Rahmen umrissen, in dem ihre Beträge für den Leser lebendig werden und höchsten Lesegenuss garantieren.

Caroline Neubaur schreibt als Enkelin von Ludwig Beck (einem der frühen Widerständler, erschossen am 20. Juli 1944 im Bendlerblock), dieser "Umstand" begründete ihre Beschäftigung mit der Psychoanalyse. Sie hat in München Musik- und Theaterwissenschaften studiert, wechselte dann nach Berlin zum neu gegründeten Komparatistikinstitut von Peter Szondi, und schliesslich zum Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. 1979, im Band "Aufmerksamkeit" zu seinem 50.sten Geburtstag, fehlt sie noch. Sie hat mehr als eine Analyse in Berlin bei der DPV absolviert. 1987 erschien ihre Doktorarbeit über Winnicott: "Übergänge - Spiel und Realität in der Psychoanalyse Donald W. Winnicotts". In ihrer Lehrtätigkeit am religionswissenschaftlichen Institut hat sie ihren Studenten Winnicott und Bion nahe gebracht.

Natürlich ist es reizvoll, in den Beiträgen einer religionswissenschaftlich ausgebildeten Berichterstatterin nach Spuren von "Kirchengeschichtsschreibung" zu suchen. Sie zeigt uns in ihrem Vorwort ihren "Ariadnefaden" durch bald drei Jahrzehnte psychoanalytischem Journalismus. Ihre Kongressberichte stellen eine Art "Fahrtenbuch" des Unternehmens Psychoanalyse dar; sie bilden die selbstanalytischen Anstrengungen verschiedener Schulen in der Psychoanalyse ab; sie verfolgen akribisch die Mühen der kollektiven Erinnerungsarbeit. Kritisch hat sie das 68er Diktum "die Psychoanalyse ist subversiv, oder sie ist gar nicht" hinterfragt. Und schliesslich schafft sie es, Tendenzen der Geistesgeschichte aufzuspüren, die in der psychoanalytischen Bewegung reflektiert werden. Sie ist den Zeitgeistschwankungen auf der Spur, sie versucht ein Stück Bewusstseinsgeschichte zu dokumentieren. Das heisst, dass es auch immer um Brüche geht, und um die Frage, wie sich aus vielerlei Brechungen dennoch eine Kontinuität der Erneuerung entwickeln kann.

Neubaur stellt zur Aktualität der Psychoanalyse fest, dass sie manche der Aufgaben übernehmen musste, die früher die Kirchen wahrnahmen. Ihr journalistisches Gesamtwerk kreist um einen Begriff aus den Musikwissenschaften, dem der "Rückung". Die psychoanalytische Bewegung in Deutschland und Europa kann sich glücklich schätzen, eine Zeitzeugin und Berichterstatterin mit so exquisitem Gehör gefunden zu haben.


Dr. med. Isolde Eckle
Berlin
c/o redaktion@jfpp.org




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