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Deutsch

Editorial


Martin Heinze
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 2]


Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die zweite Ausgabe des JfPP im Jahre 2009 beschäftigt sich mit zwei Kardinalthemen psychiatrischer Klinik: den Schizophrenien und der Depression.

Dies geschieht von sehr unterschiedlichen Standpunkten aus, begriffskritisch, historiographisch und verstehenshermeneutisch. Eine Metatheorie des Selbstbewusstseins, die Rekonstruktion auf der geschichtlichen Entwicklung des Wahnkonzeptes und die Frage nach dem Sinn, die sich angesichts psychischer Störungen stellt, verdeutlichen die Breite der im Feld von Psychiatrie und Philosophie möglichen Ansätze, deren Wiedergabe Anliegen unseres Journals ist.

Im Arbeitsbereich Philosophie und Wissenschaften der Psyche zeigt sich mittlerweile eine Konsolidierung unseres gemeinsamen Anliegens. Sehr erfreulich ist, dass die Universität Heidelberg mit der Karl-Jaspers-Professur für Philosophie der Psychiatrie als erste Hochschule Deutschlands den philosophischen Grundlagen unseres Faches einen eigenen Lehrstuhl einräumt.

Diskussionen der letzten Monate, auch die Sichtung der Beiträge für den DGPPN-Preis für Philosophie in der Psychiatrie, haben aber auch deutlich gemacht, wie schmerzlich neue theoretische Lösungsvorschläge für die Methodik des interdisziplinären Austausches und für die Metatheorie psychischer Störungen vermisst werden. Althusser hat in seinen epistemologischen Schriften herausgestellt, dass ein einfaches Nebeneinanderstellen von Theorien einerseits empirischer Provenienz, andererseits geisteswissenschaftlicher kritischer Reflektion zu einer nur schlechten und ihres Namens nicht werten Interdisziplinarität führt: "Die Soziologie, die politische Ökonomie, die Psychologie, die Literaturgeschichte usw. sind unaufhörlich damit beschäftigt, Grundbegriffe, Methoden, Verfahrensweisen von anderen, bereits existierenden Disziplinen … zu entleihen. Dies ist die eklektische Praxis der interdisziplinären "Round-Table-Gespräche". Man lädt seine Nachbarn ein, wie es der Zufall gerade fügt, um bloß niemanden zu vergessen, denn man kann ja nie wissen" (Althusser: "Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler", 1985, S. 51). Eine solche Interdisziplinarität ist für Althusser ein Symptom für Äußerlichkeit und letztendlich ein Zeichen für das Fehlen einer dem Gegenstand gemäßen Theorie. Die Losung der Interdisziplinarität wird dann zu einem nur ideologischen Satz, da sie sich nicht wirklich auf tatsächliche Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen bezieht. Somit bleibe "mit Ausnahme bestimmter, genau umrissener Fälle meist technischer Art … die Interdisziplinarität eine magische Praxis, die als Markt einer Ideologie fungiert" (S. 52). Die Kritik einer vorgeblich reduktiven Neurowissenschaft, die oft nur behauptet, eine Innensicht oder Sicht aus der Perspektive der ersten Person würde neben und additiv zu den empirischen Ergebnissen gebraucht, macht unser Dilemma besonders deutlich. Echte Interdisziplinarität würde nur dort entstehen, wo nicht Perspektiven nebeneinander stehen bleiben, sondern in die Anstrengung einer gemeinsamen Theoriebildung münden würden. Sie braucht eine im positiven Sinne spekulative Gedankenanstrengung, die dualistische Verstehensformen überwinden kann. Ohne diese theoretische Arbeit werden die verschiedenen Auffassungen des Psychischen nicht wahrheitsfähig. Unser Journal möchte gerade für diese spekulative Arbeit Raum geben.

Inwieweit es unserem Journal gelingen wird, anhand des Gegenstandes des Psychischen gemeinsame Theoriearbeit anzuregen, damit eine genuine Interdisziplinarität, die durch die Erfordernisse des Gegenstandes definiert wird und durch eine nicht nur externe Austauschbeziehung zwischen den Fächern Philosophie und Psychiatrie, hängt wesentlich von den Beiträgen ab, die Sie als Leserinnen und Leser unseres Journals einreichen und zur Diskussion stellen und auf die wir uns als Verantwortliche dieses Journals freuen.


PD Dr. Martin Heinze, Bremen
Herausgeber

Martin Heinze, nach Studium der Medizin und Philosophie in Tübingen, Aachen, Dublin und Berlin heute Leitender Arzt am Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Bremen-Ost. Er ist Gründungsmitglied der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche und des Referates "Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie" der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der sozialpsychiatrischen Forschung und in der theoretischen Psychopathologie. Veröffentlichungen u.a. "Das Maß des Leidens", Königshausen und Neumann, Würzburg 2003.




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