Christian Sell
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 3 (2010), Ausgabe 1]
Zusammenfassung
Die Ergebnisse der gegenwärtigen Psychotherapieforschung werden häufig dahingehend interpretiert, dass die Verhaltenstherapie anderen Therapieformen in der Mehrzahl der Fälle überlegen sei. Die vorliegende Arbeit zieht die Berechtigung solcher Schlussfolgerungen in Zweifel. Für eine wissenssoziologische Analyse der Psychotherapieforschung wird der Begriff der Wissenskulturen eingeführt, welcher davon ausgeht, dass die Gültigkeit von Wissen stets an den Kontext der Erzeugung gebunden ist. In der Anwendung dieser Konzeption auf das Feld der Psychotherapie ergibt sich folgendes Bild: Verhaltenstherapie und Psychoanalyse bilden verschiedene Wissenskulturen. Die Wissenskultur der (quantitativen) Psychotherapieforschung, nach welcher die beiden Verfahren verglichen werden, ist in den relevanten Aspekten identisch mit der Kultur der Verhaltenstherapie, jedoch sehr verschieden von der der Psychoanalyse. Eine Überlegenheit der Verhaltenstherapie kann daher nur behauptet werden, unter Verwendung ihres eigenen Wissensbegriffs. Da jedoch keine Wissenskultur a priori als privilegiert angesehen werden kann, bedürfte dies einer eigenen Legitimation. In einer philosophische Reflexion über die Möglichkeiten der den Schulen zu Grunde liegenden Wissenskonzepte zeigt sich jedoch, dass sowohl Psychoanalyse, wie auch Verhaltenstherapie in ihrer Erkenntnisfähigkeit dahingehend Einschränkungen unterliegen, dass sie beide Systemimmanenz erzeugen. Sie sind somit jeweils als exklusiver Zugang zum Gegenstand der Psychotherapie und auch als übergeordneter Vergleichsrahmen inadäquat. Als Alternative wird die Möglichkeit des gleichberechtigten Dialogs der therapeutischen Richtungen diskutiert.
Schlüsselwörter: Psychotherapie, Wissenskulturen, Wissenssoziologie, Erkenntnistheorie, Pluralismus
Abstract
Cultures of Psychotherapy - Different Orientations in Psychotherapy as Viewed by a Pluralistic Epistemology
A number of studies in psychotherapy outcome research suggest that Cognitive Behaviour Therapy (CBT) is overall more effective than other forms of therapy. As a result, CBT is today widely regarded as the empirically best-supported approach to psychotherapy. However, if we look at the situation from the perspective of a pluralistic epistemology, the legitimacy of these claims must be called into question. The concept of Cultures of Knowledge suggests not only that all knowledge is bound to its specific historical and social circumstances but also that within those there are multiple epistemic subgroups. These cultures of knowledge, like most different branches of science for example, have different practices and presuppositions related to knowledge. Their members share a consensus about what counts as knowledge and how knowledge can be gained. If we apply this conception to the field of psychotherapy research, it becomes apparent that CBT and Psychoanalysis can be described as two very different cultures of knowledge. They have incommensurable concepts of the possibilities of research and practice. CBT however, shares its concept of knowledge with contemporary psychotherapy research, which focuses on experimentation and measurable outcomes. Thus, within the framework of psychotherapy outcome research, CBT is compared to other forms of therapy by the benchmark of its own concept of knowledge. Since all knowledge is culturally bound however, there is no natural hierarchy of different forms of knowledge and thus no a priori legitimacy for one culture (of psychotherapy) to force its own concept upon others. As a result, we must investigate philosophically whether one concept of knowledge can be called superior to others within the field of psychotherapy. Philosophical reflection shows, however, that Psychoanalysis and CBT are both severely limited in the scope of their conceptions because both approaches produce system immanence. This means that neither of the two perspectives can preferably be used as a superior or even as an exclusive framework for understanding psychotherapy. As an alternative, possibilities for a symmetric dialogue between therapeutic orientations are discussed eventually.
Key words: Psychotherapy, Cultures of Knowledge, Sociology of Science, Epistemology, Pluralism
1. Problemstellung: Der 'Schulenstreit' in der Psychotherapieforschung
Seit ihrer Begründung als Fachdisziplin in der Moderne, welche im Allgemeinen in etwa auf das Jahr 1900 datiert wird, hat die Psychotherapie eine turbulente Entwicklung durchgemacht. Korrekter wäre es eigentlich, von einer Vielzahl von Entwicklungen zu sprechen, welche bis zum heutigen Tag auch zu einer Vielzahl von Psychotherapien oder psychotherapeutischen 'Schulen' geführt haben. Innerhalb der letzten 20 Jahre ist nun eine zunehmende Entwicklung hin zu vergleichenden Wirksamkeitsstudien von Psychotherapieverfahren zu beobachten (siehe Kendall, Holmbeck & Verdun, 2004). Verstärkt werden Rufe laut, die Frage nach der besten Art Psychotherapie zu betreiben, empirisch zu lösen. Der in Deutschland bekannteste und folgenreichste Versuch dieser Art ist die Metastudie von Klaus Grawe, Ruth Donati & Friederike Bernauer von 1994. Grawe et al. und auch andere Therapieforscher (z.B. Margraf, 2008) folgern aus ihren Analysen, dass sich die Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie als besonders wirksam erwiesen haben und den anderen Verfahren in fast allen Belangen überlegen sind. Die Ergebnisse der quantifizierenden Psychotherapieforschung zeigen kürzere Behandlungszeiten bei gleicher oder gar größerer Wirksamkeit auf Seiten der Verhaltenstherapie. Die Landschaft der Psychotherapie in Deutschland wandelt sich entsprechend: Die Psychoanalyse nimmt zunehmend weniger Raum an den Universitäten ein, die Lehrstühle im klinischen Bereich werden verhaltenstherapeutisch besetzt, Krankenkassen favorisieren in ihren Behandlungsrichtlinien ebenfalls die kognitive Verhaltenstherapie. Der Schulenstreit scheint entschieden.
In der vorliegenden Arbeit werde ich jedoch die Ansicht vertreten, dass dies nicht der Fall ist, beziehungsweise nicht der Fall sein sollte. Anhand des Konzepts der Wissenskulturen werde ich zu zeigen haben, dass es sich bei Verhaltenstherapie und Psychoanalyse1 nicht einfach um zwei verschiedene Arten, die gleiche Sache, nämlich Psychotherapie, zu machen, handelt, die sich problemlos hinsichtlich ihrer Effizienz vergleichen lassen. Vielmehr haben wir es mit zwei völlig verschiedenen Kulturen des Wissens und der Wissenserzeugung zu tun. Im Folgenden wird der Begriff der Wissenskultur zunächst eingeführt. Ich werde in diesem Zusammenhang argumentieren, dass Wissen stets in kulturellen Kontexten definiert und erzeugt wird und es entsprechend viele Arten von Wissen gibt, die jeweils an die Kultur ihrer Erzeugung gebunden sind. Anschließend werden Implikationen für die Psychotherapieforschung diskutiert.
1.1 Epistemischer Relativismus & Wissenssoziologie
Die Analyse, die ich durchführen möchte, basiert auf einem relativistischen Verständnis von Wissen. Wissenschaft wird nicht als ein Prozess verstanden, der im dem Sinne rational ist, dass er objektive Erkenntnis erbringen kann, sondern als ein von verschiedenen Faktoren außerhalb von Wissenschaft bedingtes Unternehmen. Wissenschaft ist kontextuell gebunden. Entsprechend ist auch die wissenschaftliche Erkenntnis nicht unabhängig vom Kontext ihrer Gewinnung.2
Robin Collingwood (1940) arbeitete heraus, dass sich Begründungszusammenhänge in den Wissenschaften nur bis zu einem bestimmten Punkt hin auf tiefere Gründe zurückführen lassen. An diesem Punkt gelangt man an absolute Voraussetzungen, an Sätze außerhalb von Wissenschaft. Diese Sätze können nicht mehr selbst von Wissenschaft begründet werden, Collingwood nennt sie 'metaphysische Sätze‘. Wie und warum eine solche absolute Voraussetzung gewählt wird, ist einer anderen Logik unterworfen als der der Wissenschaft. Ludwig Fleck wies bereits 1935 darauf hin, dass Wissenschaft ein sozialer Prozess ist. Was zu einer gegebenen Zeit als richtige Wissenschaft gilt, ist keineswegs eindeutig aus Forschungsergebnissen zu folgern, sondern fußt in letzter Begründung auf einem - durch Mechanismen der Politik, der Tradition, usw. erlangten - Konsens in der Wissenschaftlergemeinde (Fleck: "Denkkollektiv"). "Eine wissenschaftliche Tatsache ist die Übereinkunft, mit dem Denken aufzuhören" (zitiert nach Walach, 2004, S.47).
Diese Gedanken trug Thomas Kuhn 1962 zusammen und entwickelte sie weiter. Den Konsens, den eine Wissenschaftlergemeinde zu einem Zeitpunkt hat, und welcher eine gegebene Wissenschaft dominiert, nennt Kuhn Paradigma. Ein solches Paradigma bestimmt laut Kuhn nicht nur, was in einer Disziplin als richtig gilt, sondern auch, was überhaupt wahrgenommen und untersucht werden kann, mit welchen Methoden und Instrumenten dies zu geschehen hat und in welcher 'Sprache' Wissen tradiert werden soll. Ein Paradigma ist keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern der Hintergrund, vor dem überhaupt wissenschaftliche Erkenntnis möglich ist. Welche Strömung in einer Disziplin zu einem Paradigma wird, ist selbst nicht allein das Ergebnis von Wissenschaft, sondern wird entscheidend von sozialen Prozessen bestimmt.
Die relativistische Position unterstellt mit diesen sozialen Prozessen also 'Filter' zwischen den Dingen in der Welt und dem, was wir darüber zu wissen glauben. Diese Bedingtheit von Wissen ist ein zentrales Thema gegenwärtiger Philosophie. Hans Jörg Sandkühler (2002): "Die Philosophie des 20. Jahrhunderts kennt das so skizzierte Problem unter verschiedenen Namen. Wie immer es benannt wird, geht es um jenes Dritte, das die Brücke zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit bildet." (S.18f). Ludwig Wittgenstein fasst es so: "Die Wahrheit gewisser Erfahrungssätze gehört zu unserem Bezugssystem" (zitiert nach Sandkühler, 2002, S.20).
Mit dem Anspruch, diese Bezugssysteme genauer zu studieren, bildete sich die Wissenssoziologie in 1960ern als eigene Disziplin der Wissenschaftsphilosophie heraus. Sie untersuchte u.a. in 'Laborstudien' den Prozess der Wissensgewinnung. Karin Knorr Cetina (2002) etwa studierte u.a. die Forschungspraxis in der Hochenergiephysik und in der Molekularbiologie und kam zu dem Schluss, dass hier in zwei völlig verschiedenen Arten und Weisen Wissen erzeugt und begründet wird. Im Sinne Flecks haben beide Disziplinen einen unterschiedlichen Konsens darüber, wann mit dem Denken aufzuhören ist. Um dies greifbar zu machen, verwendet Knorr Cetina den Begriff der Wissenskulturen. Damit ist gemeint, dass die entsprechenden Gruppen von Wissenschaftlern sich auf unterschiedliche "Strategien und Prinzipien, die auf die Erzeugung von Wahrheit oder äquivalente Erkenntnisziele gerichtet sind" (S.11), geeinigt haben. Sie unterscheiden sich also darin, was überhaupt Wissen ist und wie es gewonnen werden kann.
1.2 Wissenskulturen
Knorr Cetina definiert Wissenskulturen wie folgt: "Wissenskulturen [sind] diejenigen Praktiken, Mechanismen und Prinzipien, die gebunden durch Verwandtschaft, Notwendigkeit und historische Koinzidenz, in einem Wissensgebiet bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen. Wissenskulturen generieren und validieren Wissen" (2002, S.11).
In Abgrenzung zu Kuhns Paradigmenbegriff gibt es nicht eine Wissenskultur, sondern eine große Vielzahl von "Ensembles epistemischer und praktischer Kontexte, die bei der Entstehung und in der Dynamik von Wissen wirksam sind und Geltungsansprüche und Standards der Rechtfertigung von Wissen bestimmen" (vgl. Sandkühler, 2009a). Ihre Extensionen können von eng (Terminologien, Theorien) bis sehr weit (Religionen und andere Weltbilder) reichen und Erkenntnissubjekte gehören verschiedenen Wissenskulturen zu unterschiedlichen Graden an. Dieser Grad der Teilhabe, den ich an einer Wissenskultur habe, bestimmt das Maß, in dem sie für mich eine Möglichkeit für Erkenntnis darstellt. Je besser ich ihre Zeichen und Methoden verstehe, desto eher kann es mir gelingen, das zu erlangen, was diese Kultur Wissen nennt. Wichtig ist dabei, dass die Validität dieser Erkenntnis an die Kultur ihrer Erzeugung gebunden ist und in anderen Wissenskulturen unter Umständen ungültig oder gar gegenteilig sein kann.
1.3 Implikationen einer relativistischen Epistemologie
Im Folgenden soll das Konzept der Wissenskulturen auf die beschriebene Problemstellung in der Psychotherapieforschung angewendet werden. Wie im Vorangegangenen schon impliziert, schließt die Rede von Wissenskulturen den "kaum mehr bestreitbaren Verlust der Sonderstellung der 'objektiven', 'nomologischen' empirischen Naturwissenschaften" ein (vgl. Sandkühler, 2009b). Jedes Wissen wird in einer bestimmten Kultur erzeugt und gilt stets nur relativ zum Überzeugungssystem dieser Kultur. Anstatt der klassischen, platonischen Definition von Wissen als 'gerechtfertigte wahre Überzeugung' muss aus unserer Perspektive gesagt werden: "Wissen ist in wissenskulturellen Kontexten gerechtfertigte wahre Überzeugung" (vgl. Sandkühler, 2009a).
Wenn wir die relativistische Position akzeptieren, müssen wir uns dem Pluralismus verpflichten. Entsprechend wird mit diesem Hintergrund häufig die Hoffnung verbunden, dass sich verschiedene Methoden des Wissenserwerbs, deren erzeugtes Wissen nach klassischer Konzeption als verschiedenwertig bezeichnet worden wäre - etwa die Hermeneutik und die Naturwissenschaften - nun auf Augenhöhe zum Dialog begegnen können. Die Relativierung verschiedener Qualitäten von Wahrheit kann also als Chance begriffen werden, dass transdisziplinäre Kooperation an die Stelle von starrem Antagonismus treten könnte. Raúl Fornet-Betancourt (2007) spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit "symmetrischer kognitiver Interaktion", welche unsere Möglichkeiten der Erkenntnis durch das Nebeneinander von komplementären Sichtweisen erweitert. Gemeint ist hier eine perspektivistische Grundhaltung, wie sie Friedrich Nietzsche bereits 1887 in der Genealogie der Moral formulierte:
Hüten wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen, von nun an besser vor der gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein »reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntniss« angesetzt hat [...]: - hier wird immer ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die aktiven und interpretirenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen, durch die doch Sehen erst ein Etwas-Sehen wird, hier wird also immer ein Widersinn und Unbegriff von Auge verlangt. Es giebt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches »Erkennen«; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein (S.365).
Fornet-Betancourt (2007) sieht in einer solchen epistemologischen Diversität die Chance für die Wiedergewinnung einer, im Siegeszug der Naturwissenschaften verloren gegangenen, Reflektionsebene. Wenn Wissen auf verschiedene Arten 'gewusst', begründet und geordnet werden kann, ermöglicht uns dies die Frage zu stellen, welche Art von Wissen wir zu einem gegebenen Zeitpunkt brauchen, beziehungsweise welche Art wir für diesen Gegenstand haben wollen. Warum dies nicht nur irgendwie interessant, sondern für unser Problem höchst bedeutsam sein könnte, deutet das folgende Zitat von Edmund Husserl an:
Die Ausschließlichkeit in welcher sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ganze Weltanschauung des modernen Menschen von den positiven Wissenschaften bestimmen und von der ihr verdankten 'prosperity' blenden ließ, bedeutete ein gleichgültiges Sich abkehren von den Fragen, die für ein echtes Menschentum die entscheidenden sind. Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen (zitiert nach Fornet-Betancourt, 2007, S.13).
Von diesem Aspekt wird später noch die Rede sein.
Trotz oder gerade wegen der angeführten 'Vorteile' birgt eine solche Konzeption auch eigene Herausforderungen: Wenn es keine absoluten Maßstäbe für 'gutes' Wissen mehr gibt, scheint Wissenschaft als Ganzes bedroht zu sein (Anything-Goes-Relativismus). Sandkühler (vgl. 2009b) greift solche Einwänden wie folgt auf: Wahrheitsansprüche von Wissenschaft werden in der Tat relativiert und sollten entsprechend bescheidener vorgetragen werden. Wir haben es tatsächlich mit Relativismus zu tun. Gleichwohl führe dies keineswegs zu Beliebigkeit. Es gelte eben nicht mehr, wie in der naiven Abbildtheorie der Erkenntnis, ein Repräsentationsverhältnis von Erkenntnis zu Welt im Sinne von 'b repräsentiert a', sondern es müsse heißen 'b repräsentiert a unter den Bedingungen c,d,e...'. Diese Bedingungen, so Sandkühler, müssen wir in unsere Konzeptionen einer wissenschaftlichen Erkenntnis integrieren: "Die Forderung, zumindest das mögliche Optimum an Faktoren-Berücksichtigung anzustreben, ist nicht maximalistisch. Was in der Hermeneutik längst anerkannte Regel ist, ist auch in der Epistemologie zumutbar. Mit Albert Einstein: Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher" (S.6). Es wird also keineswegs 'anything-goes' proklamiert. Vielmehr geht es um eine vorsichtigere und differenziertere Form der Bewertung von Erkenntnis. Mit Nietzsche, um "verschiedne Augen [die] wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen" (s.o.).
2. Therapiekulturen? - Relevanz des Begriffs der Wissenskulturen für ein erweitertes Verständnis therapeutischer Schulen
Der nun erarbeitete Begriff von Wissenskulturen soll uns im Folgenden dazu dienen, den 'Schulenstreit' in der Psychotherapie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Noch einmal die Ausgangslage: Der 'Markt' der Psychotherapie kennt eine Reihe verschiedener Herangehensweisen, der fachliche Zeitgeist unterstützt mehrheitlich Forderungen, wie sie zum Beispiel der Therapieforscher Klaus Grawe gemacht hat. Dieser ist "davon überzeugt, dass die Pluralität der psychotherapeutischen Schulrichtungen der Idee von (guter) Psychotherapie widerspricht, wenn [Grawe] sagt, vor allem das schulenorientierte Ausbildungssystem sei 'der wichtigste Faktor, der die Missstände auf dem Gebiet der Psychotherapie perpetuiert" (Brandt, 2007, S.4): "Ein rationaler Zugang zur Beantwortung der Frage nach der Erklärungskraft von Theorien ist nur möglich über einen ausdrücklichen Bezug auf empirische Fakten nach den Regeln empirischer Forschungsmethodik" (Grawe, 1999, S.117). Die geforderten empirischen Wirksamkeitsstudien werden heute in steigender Anzahl betrieben und weisen zumeist die Verhaltenstherapie als "die mit weitem Abstand am besten empirisch abgesicherte Form von Psychotherapie" aus (Margraf, 2008, S.19).
Der Lehrbuchautor und Verhaltenstherapeut Jürgen Margraf (2008) leitet folgendes Plädoyer ab: "Grundsätzlich folgt aus der bemerkenswert konsistenten Befundlage zur empirischen Überprüfung, dass verhaltenstherapeutische Verfahren in der psychotherapeutischen Versorgung eine möglichst große Rolle spielen sollten" (S. 25). Es sollen im Folgenden die Hintergrundprämissen dieses ausgerufenen 'Sieges des Verhaltenstherapie' aus der hier erarbeiteten relativistischen Warte untersucht werden.
2.1 Therapeutische Schulen als Wissenskulturen
Im Rahmen dieser Untersuchung sind zwei Dinge zu zeigen: 1. Verhaltenstherapie und Psychoanalyse sind zwei gänzlich verschiedene Kulturen des Wissens. 2. Der Wissensbegriff der Psychotherapieforschung entspricht dem der Verhaltenstherapie, nicht aber dem der Psychoanalyse.
Um zu prüfen ob es sich bei den Therapieschulen um Wissenskulturen handelt, sollen als Hilfe die Kriterien dienen, die Wolfgang Detel (2003) für eine Arbeitsdefinition anhand historischer Beispielfälle herausgearbeitet hat. Für unsere Zwecke3 muss eine Wissenskultur
a) eine Kultur sein, also aus Praktiken bestehen, die auf Hintergrundüberzeugungen beruhen und mit Mechanismen der Tradierung verknüpft sind, b) ihre Hintergrundüberzeugungen zum Teil auf eine Idee von Wissen überhaupt ausrichte[n], c) epistemisch [sein] sowie bei angemessener Ausführung zur Produktion von propositionalem Wissen führ[en], und d) das produzierte Wissen und die angewandte epistemische Praktik aus der Perspektive eines Wissensbegriffs bewerte[n] (S.130).
Dass der Begriff überhaupt auf Therapieverfahren anwendbar ist, ist leicht zu zeigen: Psychoanalyse wie Verhaltenstherapie beinhalten Praktiken, d.h. therapeutische Methoden und solche der Forschung, gehen von gewissen Grundüberzeugungen aus und geben diese im Rahmen von Universitäten oder Lehrinstituten an AusbildungskandidatInnen weiter. Weiterhin verstehen beide Verfahren sich und ihre Theorien als 'wissenschaftlich', erheben also den Anspruch, etwas über die Welt wissen und dieses Wissen auch bewerten zu können. Es handelt sich daher um Wissenskulturen im Sinne Detels. Es wird nun darum gehen, anhand von Quellen aus beiden Disziplinen, herauszustellen, dass Psychoanalyse und Verhaltenstherapie sich in ihren Merkmalen als Wissenskulturen zum Teil gravierend unterscheiden, dass sie auf epistemischer Ebene verschieden sind.
2.2 Wissen in der Verhaltenstherapie
Beginnen wir mit der (kognitiven) Verhaltenstherapie. Im 'Lehrbuch der Verhaltenstherapie' beschreibt Margraf (2008), wie sich das Selbstverständnis des Verfahrens seit seiner Entstehung in den 1950er Jahren stetig gewandelt und erweitert hat und heute viele verschiedene Auffassungen darüber existieren, was genau Verhaltenstherapie eigentlich ausmacht. Allerdings, und das ist für uns sehr wichtig, gibt es eine "gemeinsame Klammer[:] die Orientierung an der empirischen Psychologie" (Margraf, 2008, S.3). Entsprechend definiert Margraf die Verhaltenstherapie auch gar nicht als eine zusammenhängende 'Therapieschule', sondern als "eine auf der empirischen Psychologie basierende psychotherapeutische Grundorientierung" (ebd.). Dieser Punkt ist entscheidend für die Frage nach dem Wissensbegriff der Verhaltenstherapie und findet sich so auch bei anderen Autoren: "Verhaltenstherapie ist [...] in besonderer Weise auch durch ihre theoretische Fundierung in der Psychologie und ihren Nachbardisziplinen gekennzeichnet. Deshalb wird oft nicht mehr von 'Verhaltenstherapie', sondern von 'Psychologischer Therapie' oder von 'Allgemeiner Psychotherapie' gesprochen" (vgl. Reinecker, 2005). "Die Grundlagenwissenschaft der Verhaltenstherapie ist die empirische Psychologie. Dem entsprechend bemüht sich die Verhaltenstherapie, ihre theoretischen Konzepte und therapeutischen Methoden zu operationalisieren und empirisch zu überprüfen" (Margraf, 2008, S.4).
Die Verhaltenstherapie bezieht also ihren Begriff von Wissen und dessen Rechtfertigung aus der akademischen Psychologie und ihrer experimentellen Vorgehensweise. Margraf (2008) beschreibt diese Methodologie der Verhaltenstherapie als 'methodologischen Behaviorismus' folgendermaßen:
1. Das Ziel wissenschaftlicher Arbeit besteht im Auffinden von Gesetzmäßigkeiten [...] 2. Nur beobachtbare Ereignisse oder Phänomene, die regelhaft mit beobachtbaren Anzeichen verknüpft sind, können zum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen werden [...] 3. Theoretische Konstrukte müssen demnach operationalisiert werden, d.h. es muss angegeben werden, in welcher Weise sie in erfassbaren Variablen abgebildet werden" [...] 5. Die grundsätzlich beste Methode zur Überprüfung von Annahmen bietet das kontrollierte Experiment (S. 6).
Dies entspricht in der Tat dem vorherrschenden Begriff von Wissen und Wissenschaft in der akademischen Psychologie: Minimierung der Urteilsverzerrung durch Standardisierung, operationale Definitionen und im Idealfall experimentelle Prüfung von Hypothesen über die gemessenen Variablen (vgl. z.B. Zimbardo & Gerrig, 2004, S.29ff).
2.3 Wissen in der Psychoanalyse
Die Wissenskultur der Verhaltenstherapie wäre damit fürs erste hinreichend beschrieben. Wie verhält es sich nun mit der Psychoanalyse? Rekurriert sie ebenfalls auf die Konzeptionen der akademischen Psychologie? Der Psychoanalytiker Wolfgang Mertens (2005) eröffnet sein Lehrbuch mit einem Zitat von Städler zu dieser Frage: "Es gehört zu den grotesken Fehlrepräsentationen der Psychologie, Psychologie mit der Psychoanalyse gleichzusetzen [...]. Tatsächlich gibt es kaum ein Gebiet, das dem Geist akademischer Psychologie konträrer ist, als die Psychoanalyse" (S.13). Diese Einschätzung teilt auch der Psychologiehistoriker Harald Walach (2004) und beschreibt die Entwicklung der Psychoanalyse "in einem weitgehend von der akademischen Psychologie abgeschirmten Rahmen" (S.202), was zu "völlig verschiedenen [...] Forschungstraditionen und epistemologischen Grundannahmen" (S.197) geführt habe. Mertens erläutert dies wie folgt: "Im Unterschied zur [...] behavioristischen Psychologie [...] beschäftigt sich die Psychoanalyse vor allem mit der inneren Welt des Menschen, mit Vorstellungen, Wünschen, Phantasien und Begierden [...]. Und im Gegensatz zur derzeitigen kognitiven Psychologie schränkt die Psychoanalyse deren Rationalismus ein" (S.20). Mertens führt weiterhin das Menschenbild der Psychoanalyse aus, das alle psychischen Leistungen des Menschen von seiner Triebnatur mitbestimmt sieht. Letztere wirke zum Großteil für den Menschen unbewusst. Dies habe weitreichende Konsequenzen für den Umgang mit dem Patienten in Behandlung und Diagnostik. Die expliziten Äußerungen des Patienten sind nämlich entsprechend diesem Menschenbild "nur bedingt Indikatoren für das tatsächlich Erlebte, weil sie in unterschiedlichem Ausmaß von Selbsttäuschung durchzogen sind" (S.21f). Eine solche Unzugänglichkeit des zu Erklärenden, so Mertens, schließe klassische objektivierende Methoden als Zugang zum Gegenstand von vornherein aus:
Vielmehr gilt es bei einem zu erforschenden Problem erst einmal den Phänomenbereich [...] so differenziert wie nur möglich zu beschreiben. In einem zweiten Schritt kommt neben der teilnehmenden Beobachtung, dem semi- bis unstrukturierten Interview vor allem die Introspektion sowohl des Forschers als auch des Beforschten zum Zuge (ebd.).
Man kann nun mit Recht fragen, was die Unmöglichkeit des direkten Zugriffs auf die wahren Beweggründe eines Menschen in der Behandlung mit dem Wissensbegriff der Psychoanalyse in der Forschung zu tun haben. Hierzu ist es notwendig zu wissen, dass diese Komponenten, Therapie wie auch Wissenschaft, in der Psychoanalyse beide in der psychoanalytischen Situation geschehen. Hierzu Freud: Es ist "einer der Ruhmestitel der analytischen Arbeit, dass Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen" (1912, S.380). Diese spezifischen Bedingungen von Erkenntnis führen zu einem ganz eigenen Wissensbegriff, welcher sich singulär in der Psychoanalyse findet. Walach (2004) hierzu:
Das Wesen der psychoanalytischen Situation besteht ja darin, dass ein geschulter Analytiker zusammen mit seinem Patienten [...] seelische Wirklichkeit rekonstruiert. Hatte der frühe Freud noch geglaubt, dass es sich dabei um eine naturgetreue Rekonstruktion ursprünglich gegebener Situationen handelt, so ist der späte Freud und mit ihm die spätere Psychoanalyse dazu übergegangen, diese Rekonstruktionen zu sehen als das, was sie sind: als Erzählungen 'Narrationen', und rekonstruktive Leistungen einer persönlichen Lebensgeschichte. [...] Allerdings erhebt die Psychoanalyse mit ihrer Methode den Anspruch, kommunizierbare, intersubjektive Wirklichkeit zu beschreiben und diese Beschreibung als veränderungsmächtig zu klassifizieren. Damit wird epistemologisch gesehen ein völlig neuer Zugang zur Wirklichkeit postuliert, der bislang nirgendwo sonst in der Wissenschaft stattfand. [...] Welchen Status eine solche Forschung epistemologisch gesehen allerdings hat, ist eigentlich noch unklar (S.199).
Die Psychoanalyse geht also von der Möglichkeit aus, aus der Subjektivität des Forschers heraus, Wissen zu erzeugen, welches zwar nicht 'objektiv' zu nennen ist, aber doch eine Gültigkeit und Wirksamkeit hat, die über das rein Subjektive hinausgeht. Hiermit wird etwas Latentes, Unsagbares im Menschen, zu greifen versucht, dadurch, dass es sich in einem anderen Menschen 'fühlbar' macht. Dieser Anspruch ist, wenn wir vergleichen, deutlich von dem der empirischen Psychologie abzugrenzen, in dem es um "beobachtbare Phänomene" und "erfassbare Variablen" (s.o.) geht.
Um es noch einmal zu sagen, hier soll nicht 'bewiesen' werden, dass die Psychoanalyse qua ihres Wissensbegriffs einen gerechtfertigten Anspruch auf Wahrheit in Bezug auf die Frage nach 'guter' Psychotherapie hat. Bis hierhin sollte nur die Spezifität ihres Weges zu Erkenntnis benannt werden.
2.4 Wissen in der Psychotherapieforschung
Nach dem Herausstellen der Wissenskulturen von Verhaltenstherapie und Psychoanalyse ist als nächstes die Frage zu stellen, welchen Wissensbegriff diejenige Psychotherapieforschung anlegt, die sich anschickt herauszuarbeiten, welche Verfahren am besten und schnellsten wirken. Im als Standardwerk der Psychotherapieforschung geltenden Bergin and Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change empfehlen Kendall, Holmbeck & Verdun (2004) zur Methodik in der Forschung: "that psychotherapy researchers make consistent use of designs in which patient, therapist, and type of treatments are independent variables and dependent variables are examined over time” (S.16). Dieser Gestus kann als repräsentativ gelten. Die Psychotherapieforschung verwendet, wie auch die Verhaltenstherapie, den empiristischen Wissensbegriff der akademischen Psychologie.
3. Philosophische Reflektionen - Ein Plädoyer für eine Vielheit des Wissens
Wir können also zusammenfassend mit gutem Recht von der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie als zwei unterschiedlichen Kulturen des Wissens sprechen. Zudem können wir die Aussage machen, dass die gegenwärtige Psychotherapieforschung in ihrer Ausrichtung den Wissensbegriff der wissenschaftlichen Psychologie verwendet, der auch der Verhaltenstherapie zu Grunde liegt. Die Psychoanalyse (und auch die anderen nicht verhaltenstherapeutischen Verfahren) wird also nicht an dem Wissensbegriff ihrer eigenen Kultur gemessen, sondern an dem der Verhaltenstherapie.
Oben habe ich ausgeführt, dass die relativistische Perspektive uns zum Pluralismus führt. Es kann also nicht von vornherein feststehen, dass die Konzeptionen einer Wissenskultur, hier jene der Verhaltenstherapie, der einer anderen Kultur, hier jener der Psychoanalyse, vorzuziehen ist. Werden die Konzepte und Regeln einer Kultur dennoch in wertender Weise auf eine andere Kultur angewendet, betreibt die dominierende Kultur ungerechtfertigter Weise "Wissenskolonialismus" (vgl. Fornet-Betancourt, 2007). Diesen Vorwurf muss sich demnach z.B. die Bemühung von Grawe, eine 'Allgemeine Psychotherapie' zu schaffen, die auf dem "Erkenntnisstand der empirisch orientierten Psychologie" aufbaut (1994, S.19), gefallen lassen.
Gleichzeitig habe ich aber auch argumentiert, dass aus der Relativierung von Wahrheitsqualitäten keine völlige Beliebigkeit folgt, sondern wir in die Notwendigkeit einer Metareflektion über die Bedingungen der einzelnen Wissenskonstellationen geraten. Wenn uns verschiedene Arten von Wissen zur Verfügung stehen, gilt es abzuwägen, welche davon unserer Sache adäquat sind und warum. Die Begründung einer solchen Entscheidung kann kein Akt der empirischen Wissenschaften mehr sein, sondern es handelt sich um philosophische Reflexion. Eine solche zusätzliche Reflexionsebene kann sicherlich nicht jede empirisch-wissenschaftliche Alltagspraxis begleiten. Dann würde die Forscherin konstant 'neben sich stehen' und gar kein neues Wissen mehr produzieren können. Dennoch bedarf es dieser Reflexion, um einen 'guten' Umgang mit dem gewonnenen Wissen zu gewährleisten - um etwa zu verhindern, dass Erkenntnisse verabsolutiert werden. Es bedarf, mit Karl Jaspers (1946), einer "Philosophie in der Wissenschaft", in diesem Fall einer Philosophie in der Psychotherapieforschung.
3.1 Philosophie der Psychotherapieforschung - Epistemische Grenzen von Psychoanalyse und Verhaltenstherapie
Gerd Jüttemann (1992) stellt solche Betrachtungen für die Psychologie an und Daniel Brandt (2007) stellt den Bezug zur Psychotherapie her. Die Analyse wird darauf hinauslaufen, dass weder die Wissenskonzeption der akademischen Psychologie, noch jene der Psychoanalyse, in ihrer Exklusivität, einen gegenstandsadäquaten Zugang zur Untersuchung der menschlichen Psyche gewähren. Entsprechend wäre die Verwendung von lediglich einer der beiden Konzeption für eine vergleichende Psychotherapieforschung höchst problematisch.
Wie gelangen wir zu einer solchen Folgerung? Jüttemanns zentraler Punkt ist, dass sowohl die empirische Psychologie, als auch die Psychoanalyse, mit ihrer Forschungsweise Systemimmanenz erzeugen. Systemimmanenz meint hier, dass durch die Art und Weise, wie etwas beforscht und konzeptualisiert wird, ein geschlossenes System von Begriffen, Grundüberzeugungen und Methoden erzeugt wird. Forschung, die in geschlossenen Systemen stattfindet, ist mit anderer Forschung, die auf anderen Grundüberzeugungen ruht, nicht kompatibel. Entsprechend muss sich ein Ergebnis aus einem geschlossenen System nicht der gesamten wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Kritik aussetzen, sondern die Bewährung erfolgt "in Form eines politischen Verfahrens mittels 'Validierung durch Anhängerschaft'" (Brandt, 2007, S.9). Wissen aus einem geschlossenen System steht also im Extremfall keiner externen Kritik mehr offen. Wie also entsteht Systemimmanenz? Nach Jüttemann "durch die Fixierung von Menschenbildern [...], welche das System zugleich definieren" (zitiert nach Brandt, 2007, S.8). Sowohl die Psychoanalyse als auch die Verhaltenstherapie stoßen auf dieses Problem.
Zwischenbemerkung: Die folgende Darstellung ist stark generalisierend. Angesichts einer sorgsamen Analyse der historischen Entwicklungen innerhalb beider Verfahren ließe sich eigentlich gar nicht von der Verhaltenstherapie oder der Psychoanalyse sprechen. Diese Ausführungen sind daher auch nicht als ein Generalurteil über diese vielfältigen Praxisformen zu sehen, sondern als eine hilfreiche Denkfigur zum Verständnis des epistemischen Status der beiden Wissenskulturen.
Zunächst die Psychoanalyse: Hier kann historisch das rekonstruiert werden, was Jüttemann als direkte Modellierung bezeichnet. Es steht am Anfang die explizite Entwicklung eines Menschenbildes durch den Begründer Sigmund Freud (und andere), auf dem dann ein Gebäude von Theorien und - wie gezeigt - epistemischen Praktiken aufsitzt. Laut Jüttemann (1992) haben wir hier ein klassisches geschlossenes System mit den genannten Nachteilen vor uns. Diese Kritik an der Psychoanalyse wurde bereits vielerorts geübt und findet sich auch im Standardlehrkanon der akademischen Psychologie (vgl. z.B. Zimbardo, 2004).4
Die Argumentation endet jedoch nicht hier. Auch die Verhaltenstherapie ist von Systemimmanenz bedroht, weil die akademische Psychologie davon bedroht ist. Diese Aussage mag zunächst verwundern. So rühmt sich doch die Psychologie und mit ihr die Verhaltenstherapie mit einem "Primat der Empirie gegenüber der Theorie" (Grawe, 1999, S.118). Genau hier jedoch setzt Jüttemann an: Er nennt dies das Inversionsprinzip und bezeichnet so "eine unzulässige Umkehrung des Verhältnisses von Gegenstand und Methode" (S.65). Die Psychologie setzt die quantitativ messende Forschung und das Experiment als Methoden an den Anfang aller Forschung. Es wird also zunächst die Methode festgeschrieben und dann der Gegenstand gewählt. Hierbei wird jedoch ignoriert, dass eine gegebene Methode nicht zwangsläufig jeden Gegenstand oder alle Aspekte eines Gegenstandes erfassen kann. Dies ist kein spezifisches Problem der messenden Zugangsweise, sondern jede Methode hat einen 'blinden Fleck' (oder mehrere). Klaus Brücher erläutert diesen konstruktivistischen Gedanken unter Rückgriff auf Heisenberg: Eine jede Methode kann gar nicht den Gegenstand sehen, wie er ist, sondern nur so, wie sie ihn selbst für sich zu schaffen vermag (vgl. Brücher, 2005, S.48).
Weil das so ist, so Jüttemann, ist vor der Untersuchung zu prüfen, ob das, was analysiert werden soll, dem Vermögen der Methode entspricht oder aber, es ist im Anschluss an die Untersuchung eine kritische Evaluation der Gegenstandsangemessenheit durchzuführen:
So ist etwa der Gebrauch der experimentellen Methode in den Naturwissenschaften darauf zurückzuführen, dass die Erklärungsrelevanz von Naturgesetzen bei reinen Naturerscheinungen ohne jeden Zweifel unterstellt wird. Entscheide ich mich jedoch für die experimentelle Forschungsstrategie bei einem Gegenstand, von dem gar nicht feststeht, dass es sich um eine Naturkonstante handelt, bzw. von dem uns - wie in der Psychologie - die tägliche Erfahrung sagt, dass er auf keinen Fall als ein bloßer Kausalmechanismus aufgefasst werden darf, wende ich das höchst bedenkliche Inversionsprinzip an, und es ist dann anzunehmen, dass diese Entscheidung nicht folgenlos bleibt (Jüttemann, 1992, S.82).
Was sind die Folgen einer gegenstandinadäquaten Methodenwahl? Der genannte Gedanke von der gegenstandserzeugenden Funktion von Methoden ist hier zentral. Wenn eine gegebene Methode des Wissenserwerbs für bestimmte Bereiche eines Gegenstandes 'blind' ist, diese also nicht erfassen kann, wird sie hierzu keine Ergebnisse liefern. Wenn ich nun in einer Wissenschaft einen Gegenstand - in diesem Fall den Menschen - nur mit einer Methode untersuche, wird von dieser Wissenschaft niemals etwas über die blinden Flecken dieser Methode gesagt werden können. Wenn die Psychologie nur Variablenmessung betreibt, besteht der Mensch der Psychologie nur aus dem, was sich in Variablen messen lässt. So "ist auf diese Weise Experimentelle Psychologie lediglich in der Lage, einen gleichsam kausalmechanistisch funktionierenden 'objektiven' Menschen zu untersuchen, der in der Wirklichkeit nicht existiert" (ebd., S.67).
In Erinnerung an Husserls Zitat von den 'Tatsachenmenschen' sei hier Wilhelm Dilthey angeführt, welcher die Psychologie als "Seelenlehre ohne Seele" bezeichnet hat. Jüttemann nennt die beschriebenen Folgen des Inversionsprinzips auch indirekte Modellierung, da auch hier ein Menschenbild - wenn auch gleichsam durch die Hintertür und meist ohne es zu wollen - von vornherein festgelegt wird. Über diesen Umweg entsteht auch hier Systemimmanenz in der Forschung.
Wenn auch von unterschiedlichen Richtungen her, geraten also Psychoanalyse und Verhaltenstherapie an dasselbe Problem: Die Erzeugung von Systemimmanenz durch direkte oder indirekte Modellierung. Jüttemann (2002, S.92) spricht in diesem Zusammenhang vom Basisproblem der Psychologie, was sich auch auf die Psychotherapieforschung niederschlägt (vgl. Brandt, 2007).
4. Abschlussbetrachtungen
Als Fazit lässt sich also zum einen festhalten, dass eine Exklusivität der verhaltenstherapeutischen Wissenskultur in der Beurteilung verschiedener therapeutischer Verfahren ihrem Gegenstand in keiner Weise gerecht werden kann. Zum anderen lassen sich aber auch für die Wissenskonstellation der Psychoanalyse analoge Probleme benennen, weshalb zur Vorsicht zu raten ist, sich bei der Suche nach einem sinnvollen Vergleichsmaßstab nun einfach in ihrer Wissenskultur zu bedienen.
Was können wir also folglich zum Stand der Dinge sagen? Die Psychotherapie steht vor einem ernsten Dilemma. Sie steht auf der einen Seite in der ethischen Verpflichtung gegenüber ihren Patienten, wie auch unter berufspolitischem Druck, ihre Wirksamkeit systematisch zu belegen und dem Patienten das bestmögliche Verfahren zu teil werden zu lassen. Auf der anderen Seite stehen ihr gegenwärtig keine vollständigen Möglichkeiten einer gegenstandsadäquaten Bewertung zur Verfügung.
Wie kann es also weitergehen? Meiner Einschätzung nach bleibt nur, die relativistische Forderung nach Pluralismus ernst zu nehmen. Die einzelnen Wissenskulturen in der Psychotherapie müssen einen Rahmen bekommen, in dem 'symmetrische kognitive Interaktion' möglich ist. Es gilt für die Psychotherapie, in ein Programm einer "Wissenschaft vom Menschen" einzusteigen, wie es Jüttemann (1992) zur Überwindung des Basisproblems in der Psychologie fordert: "Dabei darf die große Zahl möglicher Zugänge zu dem, was hier menschliche Psyche genannt wird, nicht unnötig dezimiert werden, sondern muss die unverkürzte Ausgangsbasis für eine perspektivisch angelegte Forschung bilden" (S.192). Innerhalb eines solchen Programms ist es dann auch möglich und nötig, zu fragen, auf welche Weise wir Psychotherapie und den Menschen in ihr erkennen wollen.
Das Plädoyer ist also für eine gleichberechtigte, integrative Wissenschaft von Psychotherapie auf empirischem und philosophischem Boden. Wenn Nietzsche sagt "je mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser »Begriff« dieser Sache" (s.o.), und wenn unsere Sache so bedeutsam und komplex ist wie die menschliche Psyche, tun wir wohl gut daran, uns viele Augen zur Verfügung zu halten.
Literatur
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Endnoten
1 Die Argumentation erfolgt hier anhand der beiden dominanten Verfahren im fachlichen Diskurs und der Versorgungslage. Analoges ist aber auch für andere Verfahren denkbar.
2 Eine ausführliche ideengeschichtliche Einordnung von relativistischen Positionen, auch in Abgrenzung zum epistemischen Realismus findet sich bei Sandkühler (2002).
3 Detel unterscheidet später zwischen Wissenskulturen im erweiterten und im speziellen Sinn. Diese Unterscheidung ist für unsere Belange jedoch zu vernachlässigen, da die strengere Definition der speziellen Wissenskultur auf unseren Gegenstand anwendbar ist.
4 Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass neben einer solchen allgemeinen Kritik von außen auch eine häufig sehr progressive Selbstkritik der Psychoanalyse besteht. Diese hat häufig einen schweren Stand innerhalb des Systems Psychoanalyse, kann aber zugleich auch als Beleg für die prinzipielle Möglichkeit von Systemtranszendenz interpretiert werden. Exemplarisch sei nur auf die Arbeiten von Jacques Lacan und Luce Irigaray verwiesen.
Christian Sell
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Christian Sell ist Student der Psychologie an der Universität Bremen und hat zuvor Psychologie und Philosophie in Göttingen und Santa Cruz (CA) studiert. Im Rahmen seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit wissensphilosophischen Überlegungen zur Psychotherapie und Möglichkeiten zur Integration psychotherapeutischer Richtungen.