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Klaus Brücher [Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 1]
Was lässt sich von einer Zeitschrift hoffen, die sich „Journal für Philosophie & Psychiatrie“ nennt? Dass sie die titelgebenden Disziplinen in ein produktives Verhältnis setzt. Aber wie? Eine erste Antwort könnte sein: So wie die Igel Liebe machen, ganz vorsichtig.
In genau diesem Sinne, nämlich mit höchster methodischer Sorgfalt und Delikatesse, bringt Harald Seubert Heideggers und v. Weizsäckers Denken in ein Gespräch, das er ausdrücklich als exemplarisch sieht für künftige Auseinandersetzungen zwischen Philosophie und Psychiatrie. Eingedenk der zu gewärtigenden Schwierigkeiten nennt Seubert seine Überlegungen „Prolegomena“: Es ist erst der Grund zu erarbeiten, auf dem ein In-Beziehung-Setzen, das über willkürliche Assoziationen hinaus geht, gegründet werden kann. Mit großer Subtilität und Distinktionskraft exponiert Seubert „Subjektivität“ als einen solchen Überschneidungs-, aber auch Differenzbereich. Während es Heidegger darum ging, vom Konzept der Subjektivität weg zu kommen, muss Subjektivität laut Seubert für den psychosomatischen Arzt v. Weizsäcker gerade bestimmend bleiben.
Unnötig zu sagen, dass der Autor, professioneller Philosoph, naheliegende Kurzschlusschancen vermeidet, stattdessen auf der Unterschiedlichkeit der Motive, der sachlichen, methodischen und systematischen Voraussetzungen beider Denker insistiert und zu dem Ergebnis kommt, dass es zwischen beiden keine Übersetzbarkeit gebe, vielmehr die Auseinandersetzung dann fruchtbar werden könne, wenn aus dem jeweils Eigenen die empfangenen Anstöße weiter verarbeitet werden. Zu Recht beharrt Seubert auf dieser Grenzziehung und zu Recht verweist er darauf, dass Heidegger keine Anthropologie geben wollte und Viktor von Weizsäcker keine klinische Epistemologie.
Zumindest die letztere brauchen wir jedoch. Deswegen ist die Frage, wie die beiden Disziplinen produktiv aufeinander bezogen werden können. Von den mit leichter Hand gestifteten Mesalliancen gibt es genug, andererseits genügen rekonstruktiv-philologische Auseinanderlegungen ebenso wenig. Es gilt, einen methodisch legitimierten Überschritt zu tun und das Konglomerat „Psychiatrie“ mit dem gedanklichen und methodischen Arsenal der Geisteswissenschaften zu erhellen, wie es beispielhaft Jaspers vor fast hundert Jahren in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ (1913) gelungen ist.
„Subjektivität“ ist dabei in der Tat ein Schlüsselwort: Weil es den Einzelnen in seiner Besonderheit und Autonomie bezeichnet, um die es in der psychiatrischen Therapeutik entscheidend geht. Weil es als seinen Widerpart, der ihm erst Bedeutung verleiht, die Dimension der Objektivität aufruft, - ohne die Psychiatrie keine Wissenschaft sein kann und dem verhaftet bliebe, was sie im Ganzen gesehen immer noch ist: Eine Ansammlung idiosynkratischer Überzeugungen und unverbundener Wissensbestände. Vor allem aber, weil der Begriff der Subjektivität spätestens seit Nietzsche einer Destruktion ausgesetzt ist, die in der Psychiatrie eher stillgestellt denn aufgenommen wurde.
Wo die Philosophie seither die Grundlagen der Subjektivitätsmetaphysik revolutionierte, beschränkten sich Medizin und Psychologie auf die Unterkellerung des alten Gebäudes der Subjektivität, um dort das neu entdeckte Un- und Unterbewußte unterzubringen. Die überkommene Konfiguration des seiner selbst bewussten, sich selbst durchsichtigen und sich selbst setzenden Subjekts wurde dadurch zwar entscheidend begrenzt, ja unterminiert – aber durch die Einengung auf Psychologie weder in ihren Konsequenzen zu Ende gedacht noch in ausreichender Tiefe neu gefasst. Das haben zwischenzeitlich die Philosophen betrieben (der linguistic turn der Philosophie im Ganzen; z.B. Heidegger im besonderen), die Strukturalisten und Poststrukturalisten, amerikanische Sozialphilosophen und Forscher im Umkreis der verstehenden Soziologie. Sie haben die Grundlagen verändert, von denen aus Subjektivität sich verstehen lässt und damit in der Tat den Sinn von Subjektivität selbst. Diese breite Grundströmung ist an Psychiatrie und Psychologie weitgehend vorbei gegangen. Welche Gründe man immer dafür verantwortlich machen mag, das Ergebnis ist, dass die Debatte um Subjektivität im Bereich von Psychiatrie und Psychologie nicht auf der Höhe der Zeit ist, weder inhaltlich noch methodisch noch methodologisch.
Um die Stoßrichtung anzuzeigen: Es geht um die Transformation der traditionellen Hermeneutik, die auf den Nachvollzug des subjektiven Sinns zielt, in eine „objektive Hermeneutik“, die „Sinn“ als einen eigenständigen und dritten Realitätsbereich ansetzt - neben dem Mentalen und dem Physischen. Damit ist die Orientierung am Paradigma der Bewusstseinsphilosophie überschritten, an ihre Stelle tritt als Gegenstand der Forschung die Regelgeleitetheit sozialen Handelns bzw. die daraus sich entwickelnden objektiven Sinnstrukturen. „Objektiv“ sind diese Sinnstrukturen insofern, als sie im und durch den sozialen Akt konstituiert werden. Das heißt, sie stellen eine – z.B. in einem Interaktionsprotokoll objektiv vorliegende - Realität sui generis dar, sie fallen nicht zusammen mit ihrer subjektiv-mentalen Repräsentation, konstitutionslogisch betrachtet, gehen sie dieser subjektiven Repräsentation im Gegenteil voraus.
Subjektivität manifestiert sich in diesem Zusammenhang als Selektivität, d.i. die spezifische Wahl, die das Subjekt innerhalb des Spektrums der objektiven Bedeutungsmöglichkeiten einer Situation trifft. Zu deren Erfassung ist nicht der Rekurs auf die intendierte Bedeutung erforderlich und geeignet, sondern die extensive, interpretativ zu leistende Freilegung der Sinnstruktur der sozialen Interaktion (Oevermann et al., 1979). Gegenstand der Interpretation ist also eine konkrete soziale Interaktion, mithin ein selbst objektiver Tatbestand - und nicht eine Bewusstseinstatsache.
Das verändert den Gegenstand „Subjektivität“, seine methodische Erschließung und seinen epistemischen Status. Zu prüfen ist, ob auf diese Weise die forschungslogischen und forschungspraktischen Probleme des Subjektivitätsparadigmas überwunden werden können und wieweit ein derartig transformierter Begriff von Subjektivität geeignet ist, klinische Fragestellungen zu bearbeiten.
Es kommt also darauf an, in der Beziehung zwischen Philosophie/ Geisteswissenschaften und Psychiatrie vom Vorspiel zum Vollzug überzugehen. Die Igel schaffen es schließlich auch.
Literatur
Jaspers, K. (1913/1959): Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Springer.
Oevermann, U., T. Allert, E. Konau, J. Krambeck (1979): Die Methodologie einer „objektiven Hermeneutik“ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, H.-G. (Hrsg.), Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften (352-434). Stuttgart: Metzelersche Verlagsbuchhandlung.
Prof. Dr. med. Klaus Brücher AMEOS Klinik Dr. Heines Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Rockwinkeler Landstraße 110 28325 Bremen
k.bruecher.bremen@ameos.de
Prof. Dr. med. Klaus Brücher ist Chefarzt und Direktor der AMEOS Klinik Dr. Heines, Bremen. Zahlreiche Publikationen zu dem Themenbereich „Philosophie und Psychiatrie“ (u.a. Subjektivität, Willensfreiheit).
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