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Deutsch

Gelebte Zeit im Stillstand und Sprung: Angst und Spontaneität als Konstituenten von Melancholie und Manie


Marcus Wölk
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Die aus der Philosophie stammende klassische Unterscheidung von Angst und Furcht birgt für die Psychopathologie ein bisher nicht hinreichend erschlossenes Potential. Während das häufig angeführte Unterscheidungskriterium des konkret-gegenständlichen Bezugs der Furcht und der Gegenstandslosigkeit der Angst letztlich nicht hinreichend expliziert werden konnte und aus diesem Grund keinen relevanten Einzug in die Psychopathologie erhalten hat, gibt es dagegen diverse empirische wie begrifflich-konzeptuelle Gründe, von einem primär räumlichen Bezug der Furcht und einem primär zeitlichen Bezug der Angst auszugehen.
Die zeitliche Bedingtheit dieser explizit gegen die Furcht abgegrenzten Angst wird zunächst über die Frage nach der Zeitigung an sich erschlossen1. Vor diesem Hintergrund werden folgende zentrale Thesen diskutiert:

  • Zeitigung erstreckt sich über ein dynamisches Kontinuum, an dessen Maximum der Zeitsprung und an dessen Minimum der Zeitstillstand steht.
  • Der Zeitsprung ist ein wesentliches Merkmal der Spontaneität und konstituiert die Manie.
  • Der Zeitstillstand ist dagegen ein wesentliches Merkmal der Angst und konstituiert die Melancholie.

Wie Melancholie und Manie stehen Angst und Spontaneität in einer polaren Beziehung. Diese Begriffe und deren wechselseitige Beziehung werden in dem folgenden Aufsatz insbesondere über die Zeitigung an sich und das veränderte Zeiterleben in Melancholie und Manie aufgezeigt. Im Weiteren lassen sich neue Perspektiven aufzeigen insbesondere zum Verständnis der nach wie vor ungeklärten Bedeutung der Angst in der Melancholie, zum Verhältnis von Melancholie und Manie an sich sowie den Zusammenhängen zwischen Kernsymptomatik und verändertem Zeiterleben.

Schlüsselwörter: Zeitigung, Zeiterleben, Angst, Spontaneität, Melancholie und Manie, Langeweile

Abstract

Lived time in standstill and jump. Anxiety und spontaneity as constituents of melancholy and mania
The important differentiation between anxiety and fear which has its origin in philosophy seems not adequate developed for psychopathological issues. In general, fear has a concrete-objective background and in contrast anxiety stands for a more meaningless threat. Although this differentiation is used in common speech, it is not yet established in Psychopathology. However, there are a few empirical and conceptual reasons to assume, that fear has a primarily spatial-related and anxiety a time-related reference. The temporally condition of anxiety is shown by discussing the phenomenon of lived time (Zeitigung). Lived-time extends on a dynamic continuum between time standstill on its minimum and time jump on its maximum. Time jump is a basic attribute of spontaneity and constitutes mania. Time standstill is a basic attribute of anxiety and constitutes melancholy. This means that melancholy and mania on the one hand and anxiety and spontaneity on the other hand are determined by the same bipolarity. The terms of anxiety and spontaneity and its interrelation are discussed considering lived time and modified experience of time in melancholy and mania. In the following a new perspective on the open meaning of anxiety in melancholy is demonstrated. Furthermore the structural relationship of melancholy and mania and the coherence of basic symptoms and the modified experience of time are discussed.

Key words: Zeitigung, time experience, anxiety, spontaneity, melancholia and mania, tedium

Einleitung

Wie zeitigt sich der Mensch2? Wie bringt er sich unmittelbar in der Zeit hervor? Innerhalb einer Auseinandersetzung über den Zusammenhang zwischen Zeitigung und psychiatrisch relevantem Verhalten und Erleben bilden diese Fragen den Ausgangspunkt. Und so greifen diverse Untersuchungen etwa zum melancholiespezifischen Zeiterleben auf theoretische Ansätze zur Zeitigung (insbesondere aus der Philosophie) zurück, um auf dieser Grundlage ihre Thesen etwa zum melancholischen und/oder manischen Zeiterleben zu entwickeln. Mit der gewählten Zeitigungstheorie ist die Beschreibung des veränderten Zeiterlebens und in der Folge auch der eigentliche Gegenstand, hier die Melancholie3, zumindest auf einer begrifflich-konzeptuellen Ebene vorgeprägt.

Da die Zeitigungstheorie in der Regel in einem nicht-psychopathologischen Kontext entwickelt wurde, der psychopathologische Sachverhalt dann mit Begriffen dieser Theorie erschlossen wird, können auf der einen Seite neue und faszinierende Sichtweisen entstehen. Auf der anderen Seite werden Begriffe miteinbezogen, die nicht aus dem eigentlichen Gegenstand heraus entwickelt wurden und damit gewissermaßen von außen nur an diesen angelehnt werden können.

Das ist ein Grund dafür, weshalb inhaltlich verschiedene Theorien nebeneinander bestehen können und das Phänomen des veränderten Zeiterlebens auf je eigene Weise erfassen (Kupke, 2003, S.44f).

Zeitigungstheorien

Zur Verdeutlichung seien mehrere Ansätze zur Zeitigung in einigen zentralen Aspekten gegenübergestellt. In seiner klassischen Studie „Melancholie und Manie“ bezieht sich Ludwig Binswanger zentral auf die Theorie der Konstituierung des inneren Zeitbewußtseins von Husserl (Binswanger, 1960). Im Vordergrund stehen hier die Retention, Präsention und Protention, die zusammen die (intersubjektive) Gegenwart konstituieren.

Zusammengefasst kommt Binswanger zu dem Schluss, dass der Maniker in der Retention und Protention versagt und in lauter isolierten Präsenzen lebt. Der Melancholiker hingegen versagt im Präsentischen, bleibt dabei entweder im Retentionalen (melancholischer Wahn) oder Protentionalen (melancholischer Selbstvorwurf) hängen. Allerdings kann Binswanger, auf der Grundlage von Husserls Ansatz, zentrale Attribute des veränderten Zeiterlebens in Melancholie und Manie mit dieser Konzeption nicht oder nicht konsistent erfassen. So etwa das von den Betroffenen häufig geäußerte Erleben des Zeitstillstands und der Zukunftsversperrung in der Melancholie und in umgekehrter Analogie, das massive Heranströmen der Zukunft beim Maniker. Gerade der Zeitstillstand und die Zukunftsversperrung stehen wiederum in der neueren Diskussion zum veränderten Zeiterleben im Vordergrund.

Zur Beschreibung des Phänomens der versperrten Zukunft des Melancholikers werden in einer Studie von Theunissen zwei einander entgegengesetzte Weisen der Zukunft zugrunde gelegt. Einerseits die Propulsivität und Protensivität, die dem nach vorn drängenden Leben, andererseits die Prospektivität, die einer reflektorischen Vorschau entspricht (Theunissen, 1991, S.237). Die Zukunftsversperrung basiere auf dem Zurückgehen der Propulsivität und dem gleichzeitigen Aufsteigen der Prospekivität. Die zunehmende Prospektivität sei gleichbedeutend mit dem Aufsteigen des melancholischen Bedrohungsgefühls, das Theunissen im Wesentlichen als „das Grauen der Abfolge immer gleicher Tage“ sieht. Es bleibt jedoch unklar, wie die aufsteigende Prospektivität ein derartig massives Bedrohungsgefühl, wie es für die Melancholie wesentlich ist, aufbauen kann.

Ein weiterer klassischer Ansatz sieht in dem temporal bedingten Zurückbleiben gegenüber den Anderen den Ursprung des veränderten Zeiterlebens. Zentrale Konzepte sind hier der Dualismus zwischen Ich-Zeit und Welt-Zeit bzw. erlebnisimmanenten und -transseunten Zeit, nach Straus (Straus, 1960, S.128) und das Konzept der Desynchronisierung.(Fuchs, 2001). Dieses Zurückbleiben beschreibt die von melancholischen Patienten häufig geäußerte Erfahrung, die Menschen um sie herum lebten ihr Leben in einer voranschreitenden Zeit, während sie selbst quasi in der Zeit stillstünden und so hinter den Anderen und vor allem auch sich selbst zurückblieben.

Aus einer übergeordneten Perspektive haben die genannten Ansätze gemeinsam, dass sie sich in gewisser Weise mit ihren unterschiedlichen philosophischen Zeitigungstheoremen von außen der Melancholie und Manie nähern und damit neue Sichtweisen ermöglichen. Die Frage, die sich hier aber notwendig stellt ist, wie sich diese Thesen auf die grundsätzliche Erfassung des eigentlichen Gegenstandes, hier der Melancholie und Manie, auswirken. So kann Binswanger die Polarität bzw. Antinomik von Melancholie und Manie, die auch er grundsätzlich postuliert (Binswanger, 1960, S.118), nicht auf der Grundlage seiner zentralen Thesen zur temporalen Konstitution von Melancholie und Manie aufzeigen.

Zur melancholie- und manieimmanenten Betrachtung der Zeitigung

Die neueren Ansätze erfassen in je spezifischer Weise das veränderte Zeiterleben. Die Frage nach der Adäquanz dieser Ansätze entscheidet sich nicht zuletzt auch darüber, inwieweit die jeweilige Beschreibung des veränderten Zeiterlebens mit weiteren Grundannahmen zur Melancholie und Manie vereinbar ist.

So sollte jeder Ansatz auch potentiell auf die Manie anwendbar sein, oder auch, wie bei Theunissen, sich auf das eigentliche Leid der Melancholie und auf die vermeintliche Euphorie der Manie beziehen lassen.

Im Idealfall würden alle Annahmen zur Melancholie einschließlich derer zur Zeitigung in gleicher Ursprünglichkeit aus der Mitte der Melancholie und Manie selbst stammen und damit unmittelbar auf einander verweisen.

Wie aber verweist melancholische Zeitigung u.a. auf weitere zentrale Erlebensweisen wie Angst (in eindeutiger Abgrenzung zur Furcht), Verlangsamung und Reduzierung des Denkens, Indifferenzerfahrung und elementare Interesse- und Beziehungslosigkeit, insbesondere vor dem Hintergrund der polaren Struktur von Melancholie und Manie, und wie lässt sich auf der Ebene der Kernsymptome das eine aus dem anderen unmittelbar ableiten?

Mögliche Antworten auf diese Fragen könnte eine melancholie- und manieimmanente Theorie zur gelebten Zeit aufzeigen. Melancholie und Manie müssen gewissermaßen selbst befragt werden und zu Wort kommen.

Die vorliegende Untersuchung möchte hierzu einige Thesen verdeutlichen.

Eine melancholie- und manieimmanente Betrachtung bedeutet dabei nicht den Verzicht auf eine philosophische Grundierung. Im Gegenteil, die weiteren Ausführungen wären ohne Zuhilfenahme explizit philosophischer Inhalte nicht möglich.

Darüber hinaus gibt es Begriffe, die aufgrund ihrer semantischen Reichweite und Potentialität gleichermaßen in philosophischen wie psychopathologischen Kontexten anwendbar und in diesem Sinn von genuin anthropologischer Relevanz sind. Als Beispiele seien Angst und Spontaneität genannt, die im Folgenden von zentraler Bedeutung sind.

Zeitigung als Spontaneität der Selbstveränderung

Wie nun zeitigt sich der Mensch? Das hier zugrunde gelegte Zeitigungstheorem ist ein klassischer Ansatz aus der philosophischen Anthropologie Max Schelers (Scheler, 1927), der für die Betrachtung der melancholischen und manischen Zeitigung, so könnte man sagen, einen Glücksfall in mehrfacher Sicht darstellt. Zum einen handelt es sich um einen einfachen und prägnanten Ansatz, zum anderen kann dieser ohne weitere Zusatzannahmen direkt in einer melancholie- bzw. manieimmanenten Beschreibung der Zeitigung verwendet werden.

Darüber hinaus ermöglicht dieses Zeitigungstheorem die Erfüllung einer klassischen Forderung der phänomenologisch-anthropologischen Psychopathologie, nämlich psychopathologische Sachverhalte aus eine anthropologischen Perspektive heraus zu entwickeln.

Der Mensch, so Scheler, zeitige sich, indem er seine psychischen Zustände qualitativ ändert, und zwar spontan. Scheler betont, der Mensch habe nur durch seine spontane Selbstveränderung einen Zugang zur Zeit (Scheler, 1927, S.307). Zeitigung bedeutet demnach lebendiges Setzen von Differenzen. Wesentlich ist hier die Abgrenzung zu willkürlichen und bewussten Handlungen. Scheler betont ausdrücklich die Spontaneität der Zeitigung.

Zeitigung soll hier im Folgenden entsprechend mit der Spontaneität der Selbstveränderung gleichgesetzt werden.

Dieses spontane, lebendige Setzen von Differenzen, dass zum Erlebnis von Selbstveränderung führt, sei hier an einem prototypischen Beispiel näher erläutert, das einem gewissermaßen spontan in den Sinn kommt, wenn man an Spontaneität denkt; nämlich der Einfall und das damit einhergehende Einfallserleben.

Der Einfall als Prototyp spontaner Selbstveränderung

Carl Friedrich Graumann hat eine der wenigen phänomenologischen Untersuchungen zum Einfallsgeschehen hinterlassen und kommt innerhalb einer umfangreichen Studie zusammenfassend zu folgendem Ergebnis:

  • „Im Einfall erfährt das Erleben mit dem plötzlichen Sich-Gegenwärtigen eines Inhaltes eine qualitative sprunghafte Veränderung.
  • Kraft dieses Sprunges wird jener bislang vom Erleben unabgehobene Inhalt mit dem Akzent des Neuen und Andersartigem (und in diesem Sinne Bedeutsamen) erlebt.
  • Der im Modus des Einfallens sich gegenwärtigende Inhalt läßt sich willentlich nicht herbeiführen, zumindest bleibt das hinc et nunc seines Sich-Gegenwärtigens willentlicher Beeinflussung entzogen.
  • Das Sprunghafte und Avolitionale solchen Erlebens konstituieren den Eindruck der Nicht-Ichhaftigkeit.“ (Graumann, 1955, S.111)4.

Ein Vergleich von Schelers Zeitigungstheorem und Graumanns Phänomenologie des Einfalls zeigt nun, dass der Einfall einer prototypischen inhaltlichen Ausgestaltung des formalen Zeitigungsansatzes von Scheler gleichkommt. Einfälle sind das lebendige, sprunghafte, avolitionale und nicht-ichhafte Setzen von Differenzen, die mit Veränderungserleben einhergehen. Durch den wechselseitigen Verweis von Zeitigung als Spontaneität der Selbstveränderung und dem Einfall als deren Prototyp, kommt ein weiteres wesentliches Attribut der Spontaneität zum Vorschein; der Sprung bzw, das Sprunghafte. Nicht zuletzt die Studie von Graumann kann zeigen, dass Spontaneität und Sprunghaftigkeit geradezu synonym verwendet werden können. Der Begriff des Sprunges wird an dieser Stelle etwas näher erläutert, da er als phänomenale Struktur der Spontaneität im Allgemeinen und der Zeitigung in der Manie im Besonderen weitere wesentliche Eigenschaften erschließen kann.

So beinhaltet der Sprung grundsätzlich zweierlei. Zum einen meint Sprung das Aufspringen von etwas im Sinne eines Öffnens bzw. Geöffnet-Werdens. Zum anderen bedeutet Sprung eine plötzliche und gerichtete Bewegung (tendenziell) nach vorn. Das Ineins des Sich-Öffnens und des dynamischen Gerichtetseins auf etwas (nach vorn) hat den Sinn, dieses etwas, das der immer schon herannahenden Welt entspringt, zu empfangen und vor allem sich mit dem Empfangenen und Aufgenommenen zu verbinden, ja zu vereinen. Gerade diese verbindende, vereinende, beziehungskonstituierende Eigenschaft der Spontaneität wurde von verschiedenen Autoren mehrfach zentral herausgestellt (Siehe Fromm, 1987, Moreno, 1974, Müller, 1967).

Zeitigung und Manie

An dieser Stelle lässt sich der erste zentrale Bezug zur Zeitigung mit psychopathologischer Relevanz aufzeigen.

Sämtliche Attribute zur Zeitigung als Spontaneität der Selbstveränderung können in einer exzessiven Weise in Manie festgestellt werden. Zumindest in der Anfangsphase kommt der Maniker von einem Einfall zum nächsten, lebt in einer springenden Daseinsform (Binswanger, 1960, S.102), jagt von Augenblick zu Augenblick, befindet sich in einem überschäumenden Zeiterleben (Pauleikhoff, 1986), ist umgeben von einem ozeanischen Gefühl des Verbunden-Seins mit der Welt etc.

Wesentliche Aspekte der Zeitigung an sich, als auch dem veränderten Zeiterleben in der Manie, können demnach mit dem Begriff der Spontaneität der Selbstveränderung erfasst werden5. Wenn also die Spontaneität der Selbstveränderung in der Manie in maximaler Weise ausgeprägt ist, gilt es im Folgenden zu betrachten, wie es sich im normativen und schließlich im melancholischen Bereich verhält.

Wie zeitigt sich der Mensch jenseits oder besser „unterhalb“ der Manie? Ein Phänomen, das zwar einerseits bereits zu dem Bereich der Verstimmung, insgesamt aber noch zum normalen Erleben zählt, an dem sich andererseits aber ein erhebliches Absinken der Spontaneität der Selbstveränderung veranschaulichen lässt, ist die Langeweile.

Zeitigung zwischen Manie und Langeweile

Der Begriff der Langeweile impliziert bereits einen gedehnten und verlangsamten Zeitablauf. Die Dehnung des Zeiterlebens resultiert aus einem Herabsinken des lebendigen Setzens von Differenzen (wie oben beschrieben). Dieses Herabsinken kann sowohl qualitativen als auch quantitativen Ursprungs sein. Ein qualitatives Herabsinken meint, dass sich beispielsweise das oben beschriebene Einfallsgeschehen zurückzieht. In diesem Zusammenhang muss festgestellt werden, dass der produktive, wissenschaftliche, künstlerische Einfall gewissermaßen die Spitze des Eisbergs ist.

Es gibt darüber hinaus auch ein unterschwelliges alltägliches Einfallsgeschehen, welches mitunter nichts weiter als etwa den Vertreib von Langeweile, eine angeregte Beschäftigung und Unterhaltung oder eben alltägliche Problemlösungen zum Ziel hat. So ist auch der sich im Alltag vollziehende Humor ein weiteres Beispiel eines signifikanten Einfallsgeschehens.

Aus einer übergeordneten Sicht kann im Grunde die gesamte passive Synthesis (nach Husserl) innerhalb der Wahrnehmung und des Denkens, also die (eher) visuelle Gestaltbildung (Metzger, 1954, S.109) und die kognitive Schematagenese (Siehe dazu: Leiber, 1996, S.1-41), dem Umfeld des Einfallgeschehens zugeordnet werden, denn sowohl Einfall als auch Schematagenese und Gestaltbildung unterliegen einem spontanen Geschehen und stellen an sich das beschriebene lebendige Setzen von Differenzen, wenn auch auf unterschiedlichen Stufen, dar. In diesem Sinn fallen auch Schemata und Gestalten ein6. Sie bestimmen einen Augenblick lang die Wahrnehmung und das Denken, um im nächsten Augenblick, und hier ist die Differenz bzw. Veränderung, von neuen Schemata, Gestalten oder Einfällen abgelöst zu werden.

Der wesentliche Unterschied zwischen Gestaltbildung und Schematagenese einerseits und dem „echten“ Einfallsgeschehen andererseits, ist der Sachverhalt, dass dem produktiven Einfall in der Regel eine reflexive Anspannung vorangeht (Wölk, 2007, S.131).

In der Langeweile ist demnach produktives Wahrnehmen und Denken reduziert. Somit wird das Zeiterleben zunehmend gedehnter, langsamer, leerer und flacher. Mit diesem relativen Leerbleiben geht in der Regel ein Art Herabgestimmtsein einher, das mitunter Ähnlichkeiten mit einer depressiven Verstimmung aufweisen kann (Wyss, 1973, S.354). Der Grund für dieses spezifische Herabgestimmtsein in der Langeweile wird deutlich, wenn etwa die Manie mit der Langeweile direkt verglichen wird.

Oben wurde das allumfassende Gefühl des Verbundenseins mit der Welt als ein charakteristisches Merkmal der Manie angedeutet. Der Maniker springt immer schon zum Nächsten und die Welt springt ihn augenblicklich an. Sinkt nun die Spontaneität herab, so verändert sich dieses Empfinden.

Das Gefühl des Vereint-Seins zieht sich zurück und das zunehmende Abgelöst-Werden, Wegrücken und Abgetrenntwerden von der Welt tritt in den Vordergrund.
Die Welt wird nicht mehr im Einfallsmodus quasi augenblicklich konsumiert und einverleibt, sondern erschließt sich zunehmend nur auf einer reflektorischen Ebene. Als ein „Nachgewahren“ (Landgrebe, 1983, S.136) bezieht sich die Reflektion grundsätzlich auf zuvor Eingefallenes. Zieht sich das Einfallsgeschehen zurück, tritt zunehmend eine leerer werdende Reflektion in den Vordergrund.

In der folgenden Langeweile sagt die Welt einem nichts mehr und wendet sich gewissermaßen ab (Siehe dazu: Scherer, 1994, S.63). Über den Vergleich von Manie und Langeweile bestätigt sich an dieser Stelle abermals Schelers Theorem über die Zeitigung. Das Zeiterleben wird maßgeblich dadurch bestimmt, was in der gelebten Zeit geschieht. Die Zeitbeschleunigung ist besonders stark, wenn sich die Augenblicke in Schlagfolge einander ablösen, weil der Betroffene von Einfall zu Einfall gejagt wird. In der Langeweile ist die Spontaneität flächiger geworden. Aus den Augenblicksspitzen sind lang gezogene Wellen der Weile geworden in denen das Einfallsgeschehen zunehmend hinter reflektorischen Vorgängen zurückbleibt.

Zeitigung zwischen Langeweile und Melancholie

Bei der Beschreibung des Herabsinkens der Spontaneität erweist sich die Langeweile insgesamt als eine besondere Erlebensqualität. Wenn Langeweile aus einer spontaneitätszentrierten Sicht, irgendwo zwischen Melancholie und Manie eingeordnet werden kann, wird im Folgenden nun nach dem weiteren Verlauf dieses Prozesses gefragt, der sich auf dem Weg von der Langeweile zur Melancholie vollzieht. Wird in diesem Zusammenhang der von Melancholikern häufig empfundene Stillstand der Zeit zugrunde gelegt, muss folgerichtig von einem nahezu vollständigen Herabsinken der Spontaneität der Selbstveränderung ausgegangen werden. Tatsächlich lässt sich dieser Ausfall der Spontaneität, wie oben bereits angedeutet, in vielfältiger Weise auf der emotionalen, kognitiven und intentionalen Ebene in der Melancholie belegen.

Vergleicht man an dieser Stelle zunächst einmal nur den Verlauf der Zeitigung von der Manie über die Langeweile zur Melancholie, zeigt sich ein linearer Prozeß vom Sprung über gedehnte Weile zum Stillstand. Aus der reinen Zeitigungssicht wäre Melancholie demnach so etwas wie eine fundamentale Langeweile. Und obwohl sich auf der Ebene der Zeitigung diese quasi-quantitative Entschleunigung bis zum Stillstand vollzieht, kann andererseits der Weg von der Manie zur Melancholie nicht in gleicher Weiser linear verlaufen, sonst wäre Melancholie lediglich eine Art von absoluter Langeweile im Sinne des bereits erwähnten Zeitstillstands.

Es wird zwar in der Melancholie häufig ein ausgeprägt und quälend gleichförmiges Erleben geschildert. Die Betroffenen beklagen, dass sie an nichts mehr Interesse haben. Selbst der Umgang mit den engsten Verwandten ist davon berührt. Überhaupt ist das Nichts im Sinne von Nichts-mehr-Können und Nichts-mehr-Erleben eine zentrale melancholische Kategorie (v. Gebsattel, S.24f.). Dieses vielgestaltige Nichts der Melancholie („Alles ist grau“) ist aber nicht die alleinige Grundlage für das kaum vorstellbare Leid und letztlich dem psychotischen Potential der Melancholie.

Es kommt eine spezifische Form der Bedrohung hinzu und zwar die Angst. Zum weiteren Verständnis seien hier die beiden zentralen Aussagen dieser Abhandlung vorweg genommen:
Melancholie entsteht auf der Grundlage des radikalen Absinkens der Spontaneität und des Aufsteigens reiner Angst wie umgekehrt die Manie auf der Grundlage des Aufsteigens der Spontaneität und Verlusts des Angst und Schuld (Blankenburg, 1967, S.274) haben-Könnens7.

Nachdem oben bereits die Spontaneität besprochen wurde, gilt es nun die zentrale Eigenschaft der Melancholie, nämlich die Angst, näher zu erläutern.

Als Kupplungsstück bietet sich in diesem Zusammenhang abermals das Phänomen der Langeweile an. Zunächst einmal wurde die strukturelle Nähe von Angst und Langeweile mehrfach in verschiedenen Zusammenhängen betont (Bollnow, 1984, S.71, Scherer, 1994, S.65). Wie bereits oben erwähnt sind für die Langeweile folgende Eigenschaften charakteristisch:

  • gedehnter, verlangsamter Zeitverlauf
  • Herabstimmung
  • (beginnende) Ablösung von der bedeutungshaften Um- und Mitwelt

Es sei an dieser Stelle kurz skizziert, wie der Prozess einer zunehmenden Langeweile in seinen psychischen Auswirkungen weiter zu denken ist. Was geschieht, wenn sich der Zeitverlauf massiv weiter verlangsamt, ebenso sich der Stimmungsabschwung weiter vollzieht und gleichermaßen die pathische Intentionalität massiv abnimmt?

Es wird hier die Annahme zugrunde gelegt, dass sich ein solcher Prozess der sich verschärfenden (existentiellen) Langeweile, nur in bestimmten Grenzen und bis zu einer bestimmten Schwelle vollziehen kann. Ist diese Schwelle unterschritten, kommt es zu einem Umschlagen nicht nur der temporalen Verfasstheit des Betroffenen, sondern des gesamten psychischen Erlebens. Aus temporaler Sicht markiert diese Schwelle den Übergang von lediglich gedehnter und verlangsamter zu stillstehender Zeitigung, aus psychischer Sicht dagegen den Übergang von Langeweile zur unheimlichen Bedrohung der Angst.

Es wird hier allerdings nicht behauptet, dass Langeweile notwendig reiner Angst bzw. Melancholie vorangehen muss. Der Umschlag zur Angst kann grundsätzlich aus jeder Erlebensweise, nicht zuletzt auch direkt aus einer Manie, erfolgen. Als ein moderates Erleben hat die Langeweile in dieser Untersuchung eine Scharnierfunktion zwischen Melancholie und Manie und dient damit auch zur Veranschaulichung des hier zugrunde gelegten quasi-linearen Zeitkontinuums zwischen Zeitsprung und Zeitstillstand.

Der Moment des Umschlags in die reine d.h. melancholische Angst ist der Punkt, an dem das Unverbundensein mit der Welt und der subjektive Bedeutungsverlust der unmittelbaren Um- und Mitwelt das noch erträgliche Maß übersteigt. Dieser Moment ist die Auslösung der Melancholie8,9.

Die Struktur gelebter Zeit in Melancholie und Manie

Die aufsteigende melancholiespezifische Angst ist das psychische Erleben des Ineins von Zurückbleiben und Verschlossenwerden in der und damit gegen die fortlaufende Zeit. Beide Attribute verstärken sich gegenseitig und sind damit die eigentliche Grundlage für den erlebbaren Zeitstillstand9. Auf den Zusammenhang von Angst und Zeitstillstand wurde bereits mehrfach hingewiesen. So betont Heidegger, der im Übrigen auch die Unterscheidung von Angst und Furcht zugrunde legt, dass „die Gegenwart der Angst gehalten ist“ (Heidegger, 1993, S.344) und Thiele stellt fest „ in der nackten Angst dagegen scheine sie [die Zeit] stille zu stehen“ (Thiele, 1965, S.117).

Die unmittelbare Verschränkung von Zurückbleiben und Verschlossenwerden ist der Ursprung der melancholiespezifischen Angst, denn beide Attribute konstituieren das Erleben des fundamentalen Abgetrenntseins von der in der Zeit weiter fortlaufenden und sich damit subjektiv immer weiter entfernenden Um- und Mitwelt (v. Gebsattel, 1954, S.24f.). Diese Angst kann als der zentrale Kern der im eigentlichen Sinn unfassbaren Bedrohung in der Melancholie angesehen werden. Beide Attribute lassen sich unter veränderten Begriffen in der Literatur mehrfach aufzeigen.

So stellt die unmittelbare Verschränkung und gegenseitige Verstärkung von Zurückbleiben und Verschlossenwerden einen Ansatz zur Synthese der oben besprochenen Thesen zum Zurückbleiben der Ich-Zeit hinter der Welt-Zeit und der These der Zukunftsversperrung dar.

Auch steht das hier postulierte angstspezifische Zurückbleiben und Verschlossenwerden hinter bzw. gegen die fortlaufende Zeit in einer strukturellen Analogie zu den Konzepten der Remanenz und Inkludenz von Tellenbach. Remanenz bedeutet das „Hinter-sich-selbst-Zurückbleiben [als Abwandlung des Zeitigungsmodus]“, Inkludenz das „Eingeschlossenwerden oder Sicheinschliessen“11.

Kierkegaard, der die Trennung von Angst und Furcht in die Philosophie eingeführt hat, unterscheidet hinsichtlich der Angst, zwischen Angst vor und Angst um die Welt. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Angst um die Welt im Zurückbleiben und die Angst vor der Welt aus dem Verschlossensein.

Im Weiteren schließt sich der Kreis, wenn der als Zurückbleiben und Verschlossenwerden verstandene, melancholiespezifische Zeitstillstand dem Zeitsprung bzw. den exzessiven manischen Zeitsprüngen gegenübergestellt wird. Oben wurde die Struktur des Sprunges beschrieben als Aufspringen im Sinne eines Sich Öffnens und als eine gerichtete Bewegung nach vorn. Mit diesen Eigenschaften erweist sich der Sprung als das genaue Gegenteil und damit polar Entgegengesetzte zum Zeitstillstand. Dem Geöffnet Werden im Sprung steht das Verschlossen-Werden im Stillstand gegenüber. Dem Zurückbleiben in Richtung Stillstand steht die dynamische Bewegung nach vorn im Sprung gegenüber. Diese Polarität zeigt sich auf einer grundsätzlichen Ebene ebenfalls in der bereits erwähnten beziehungskonstituierenden Funktion der Spontaneität und der beziehungsauflösenden Funktion der Angst.

Schlußbetrachtung

Über die polare Beziehung von reiner, melancholischer Angst und der Spontaneität der Selbstveränderung kann der primäre Bezug der Angst zu der Zeit im Allgemeinen und zum Erleben des Zeitstillstands im Besonderen erschlossen werden.

Dieser Zusammenhang wird weiter erhärtet, wenn auf der Grundlage einer expliziten Differenzierung von Angst und Furcht die polare Beziehung von Furcht und der Spontaneität der Selbstbewegung aufgezeigt wird und über diese Beziehung der Stillstand im Raum, wie er sich bei den Phobien zeigt, freigelegt wird (Wölk, 2007, S.15-31).

Die grundlegenden Zusammenhänge, dass Melancholie wesentlich dem radikalen Absinken der Spontaneität (der Selbstveränderung) und dem massiven Aufsteigen reiner Angst wie umgekehrt die Manie dem Aufsteigen der Spontaneität und Verlust des Angst und Schuld haben Könnens entspricht, lässt nicht nur eine melancholie- und manieimmanente Erfassung der jeweiligen Zeitigung zu, sondern auch die Erfassung weiterer Kernsymptome von Melancholie und Manie12.

Grundsätzlich können vor dem Hintergrund eines solchen Modells zur Polarität von Melancholie und Manie die Kernsymptome entweder auf den radikalen Spontaneitätsverlust oder auf das massive Aufsteigen der Angst zurückgeführt werden. Beide zusammen sind die zwei Seiten ein und desselben Vorgangs.
So kann die bis heute letztlich unklare und bisweilen widersprüchliche Bedeutung und Funktion der Angst als zentrales Symptom der Melancholie auf einer grundlegenden Weise erhellt werden13.

Die für die Melancholie typische Antriebs- und Interesselosigkeit im Allgemeinen und das verlangsamte und reduzierte Denken im Besonderen kann auf den Spontaneitätsverlust zurückführt werden14.

Oben konnte gezeigt werden, dass dieser Verlust mit dem Schwinden des Einfallsgeschehens und der Schematagenerierung und –aktivierung einhergeht, die eben für effektive Denkprozesse notwendig sind. Gernot Böhme hat diesen Sachverhalt prägnant ausgedrückt: „Man kann nichts denken, wenn einem nichts einfällt“ (Böhme, 1994, S.191). In diesem Sinn ist der kognitive Modus der Melancholie ein quälendes und gleichermaßen sich im Kreis drehendes und weitgehend leeres Reflektieren (Binswanger, 1960, S.123f).

Die melancholischen Qualen des fundamentalen Indifferenz- und Insuffizienzerlebens, das sich unmittelbar aus der elementaren Beziehungslosigkeit und Unverbundenheit zur Welt ableiten lässt, kann gleichermaßen aus dem Blickwinkel des Angstanstiegs (zunehmende Abtrennung) wie des Spontaneitätsabfalls (abnehmende Verbundenheit) erfasst werden.

Für die Manie gilt das genau Umgekehrte. Das Denken rast von Einfall zu Einfall15 und führt zu euphorisch erlebten subjektiven Evidenzen. Die weit gespannte (Zukunfts-) Offenheit und das augenblickliche Empfinden mit der unmittelbaren Um- und Mitwelt in Einheit zu sein (rapides Ansteigen der Spontaneität der Selbstveränderung) führt nicht selten zu Allmachtsgefühlen, die alles möglich erscheinen lassen und den Maniker, in seiner massiv erhöhten Risikobereitschaft, vor kaum etwas zurückschrecken lassen (Verlust des Angst und Schuldempfindens).

Ausblick

Es sei hier noch darauf hingewiesen, dass auch das melancholiespezifische Zwangs- und Schulderleben auf der Grundlage der hier dargestellten Struktur der Zeitigung einerseits, und der Berücksichtigung der Differenzierung von Angst und Furcht andererseits, weiter erschlossen werden kann. Im Gegensatz zu den typischen Symptomen der Melancholie, deren Gemeinsamkeit durch ein Schwinden, eine „-losigkeit“ gekennzeichnet ist, sind Schuld und Zwang auf eine eigenartige Produktivität der Melancholie zurückzuführen.

Angst und Schulderleben sind eng miteinander verwandt. Beide setzen den „Einzelnen als Einzelnen“ (Kühnhold, 1975, S.78). Bereits auf etymologischer Ebene haben beide Begriffe einen gemeinsamen Ursprung16. Schulderleben setzt sich aus zwei elementaren Aspekten zusammen. Zum einen den mit der Angst kongruenten Aspekt des Trennenden, zum anderen den Aspekt des Aufrufs zur Harmonisierung und (Wieder-) Vereinigung mit der abgetrennten Welt. Die Harmonisierung liegt als etwas Gesolltes in der Zukunft. Vor dem Hintergrund der unmittelbaren Nähe von Angst und Schuld einerseits, sowie Angst und Zeitstillstand andererseits, kann das Schulderleben des Melancholikers als Versuch angesehen werden, sich trotz des erlebten Zeitstillstands in der Zeit hervorzubringen und damit einen Bezug zur fortlaufenden Welt wieder herzustellen (Wölk, 2007, S.108). Auch Binswanger sieht in der melancholischen Schuld den Versuch, neue Bindungen zu schaffen (Binswanger, 1960, S.111).

Auch Zwang hat eine melancholische Grundlage. Zwang kann verstanden werden als eine projektive Abwandlung der Melancholie. Die Projektion besteht im Wesentlichen darin, die Angst als eine zeitlich strukturierte und damit gegenstandslose Bedrohung an etwas zu fixieren und zu vergegenständlichen im Sinne einer Angstabwehr. Hierauf verweist auch v. Gebsattel, wenn er vom Zwang als einer anankastischen Phobie spricht (v. Gebsattel, 1954, S.89). Zwang- und Schulderleben sind zwei Weisen von Quasi-Intentionalitäten, in denen es darum geht, gewissermaßen mit den verbleibenden Mitteln Bezüge zur Welt herzustellen und seien sie auch, wie im Zwang, sinnfrei und leer.

Literatur

Binswanger, L. (1960). Melancholie und Manie. Pfullingen: Neske.

Blankenburg, W.(1967). Die Manie. In: A. Schretzenmayr (Hrsg.), Almanach für Neurologie und Psychiatrie (S. 265-283). München: Lehmanns.

Böhme, G. (1994). Weltweisheit, Lebensform, Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bollnow, O.F.(1984). Existenzphilosophie. Stuttgart: Kohlhammer.

Fink-Eitel, H. (1993). Angst und Freiheit. Überlegungen zur philosophischen Anthropologie. In: H. Fink-Eitel, G. Lohmann (Hrsg.): Philosophie der Gefühle (S. 57-88). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Fromm, E. (1987). Die Furcht vor der Freiheit. Frankfurt am Main u.a.: Ullstein.

Fuchs, T. (2001). Melancholia as a desynchronisation. Towards a psychpathology of interpersonal time. 34, 179-186.

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Endnoten

1 Zur ausführlichen Auseinandersetzung des räumlichen Bedingtseins der Furcht u.a. als Grundphänomen der Phobien, siehe Wölk, 2007, S. 15ff.

2 Die Begriffe der gelebten Zeit und der Zeitigung werden im Folgenden synonym verwendet. Beide Begriffe beinhalten das unmittelbare Sich-Hervorbringen in der Zeit. Gelebte Zeit ist dabei das Apriori des Zeiterlebens. Zeiterleben kann sich mehr oder weniger bewusst vollziehen, gelebte Zeit ist dagegen in der Regel nicht bewusst.

3 Melancholie wird im Folgenden synonym mit endogener Depression verwendet. Der Melancholiebegriff erlaubt, zumindest in seiner ursprünglichen Bedeutung, die Annahme eines im Text zugrunde gelegten, (eher) quantitativen Unterschieds zwischen normalen und klinisch relevanten Erleben.

4 In Anlehnung an den Begriff des Sprunges bei Kierkegaard spricht Fink-Eitel von einem „unerklärlichen Geschehen unverfügbaren Selbstwerdens“, Fink-Eitel, 1993, S. 77.

5 Zacher spricht in Anlehnung an v.Gebsattels Konzept der Werdenshemmung in der Melancholie davon, dass „ der manisch Kranke … nur noch Werden [ist]. Sein Werdelauf stagniert nicht, sondern rast dahin im ausschließlichen Ergreifen der Zukunft“. Zacher, 1987, S. 255.

6 Hierauf wird bei der Beschreibung des verlangsamten und reduzierten Denkens innerhalb der Melancholie noch mal zurückgekommen.

7 Ganz wesentlich für das hier zugrunde gelegte Verständnis der Angst in der Melancholie ist die bereits mehrfach angesprochene Differenzierung zwischen Angst und Furcht. In ihrer zeitlichen Struktur ist die Angst, im Gegensatz zur räumlich strukturierten Furcht, letztlich immer, mehr oder weniger stark ausgeprägt, melancholische Angst.
Vor diesem Hintergrund darf Melancholie aber keineswegs als Angstkrankheit bzw. Angststörung verstanden werden. Der eher pragmatisch verwendete Begriff der Angstkrankheit, der eben nicht zwischen Angst und Furcht unterscheidet, umfasst psychische Störungen wie Phobien, Panikattacken, GAS, mitunter auch Zwangsstörungen. Innerhalb einer expliziten Differenzierung von Angst und Furcht sind die eben genannten Störungen jedoch eher Furchtkrankheiten, da sie, mit Ausnahme des Zwangs, einen primär räumlich-gegenständlichen Bezug haben. Wölk, 2007, S. 15ff.

8 Ein analoges Umschlagen muss auch bei der Auslösung der Manie zugrunde gelegt werden.

9 An dieser Stelle sei kurz die Frage aufgeworfen, ob Angst nicht auch als Folge von Melancholie verstanden werden könne und auch massiv gesteigerte Spontaneität nicht als Auslöser, sondern ebenso als Folge der Manie einzustufen sei.
Melancholie und Manie sind Symptomenkomplexe, die jeweils eine Vielzahl von Erlebensweisen umfassen, deren innerer Zusammenhang sich nicht unmittelbar zeigt. Wie hängen ein ängstliches Bedrohungsgefühl mit verlangsamtem Denken, Antriebslosigkeit, Schuldgefühlen und dem Erleben von stillstehender Zeit innerhalb einer Melancholie und das jeweils in das Gegenteil verkehrte in der Manie zusammen?
Der Versuch, eine der Melancholie und Manie zugrunde liegende Struktur zu beschreiben, sollte im Ergebnis dazu führen, die Konvergenz zumindest einiger der oben genannten Symptome auf diese Struktur hin aufzuzeigen. Gelingt dies, kann von einer, der Melancholie und Manie vorgelagerten oder ihnen zugrunde liegenden Struktur gesprochen werden, aus der sich dann, in der Folge, melancholische und/oder manische Symptome ableiten lassen.
Wenn Melancholie als massives Aufsteigen reiner Angst und dem damit unmittelbar einhergehenden massiven Absinken der Spontaneität der Selbstveränderung verstanden wird, können wesentliche Symptome auf diesen gegenläufigen, und sich in seiner Gegenläufigkeit weiter potenzierenden, Prozess zurückgeführt werden.
In dieser Untersuchung konnte zumindest ansatzweise an den zunächst disjunkten Beispielen des Zeiterlebens, des Denkens und des Erlebens unheimlichen, angstvollen Abgetrenntseins bzw. des euphorischen, ozeanischen Verbundenseins mit der Um- und Mitwelt, der Prozess aufsteigender Angst und absteigender Spontaneität als einer möglichen Grundstruktur von Melancholie und Manie entwickelt werden.

10 Zur Annahme der gegenseitigen Verstärkung von Zurückbleiben und Verschlossenwerden und dem daraus resultierendem Steigerungspotential der Angst, siehe Wölk, 2007, S. 65.

11 Inkludenz hat bei Tellenbach einen räumlichen Bezug, dieser ist aber nicht zwingend. Zumal dann nicht, wenn melancholietheoretisch nicht auf den Typus melancholicus referenziert wird, dazu Tellenbach, 1983, S. 126.

12 Hier sei kurz auf die Mischzustände eingegangen. Das Aufsteigen reiner Angst und das Absinken der Spontaneität der Selbstveränderung stehen im idealtypischen Fall in einer eindeutigen und proportionalen Korrelation. Da beide Prozesse zwar interdependent aber eben nicht identisch sind, ist zu vermuten, dass sie, zumindest in gewissen Grenzen, quasi-autonom bzw. in unterschiedlichen Schweregraden verlaufen können. Dies bedeutet, dass es immer auch Abweichungen von einer idealtypischen Korrelation geben kann. Vor diesem Hintergrund können auch Mischformen von Melancholie und Manie über diese beiden Prozesse erfasst werden.
Diese Mischformen wird es vermutlich insbesondere auch an der Schwelle des Umschlagens geben. Bei einer Manie scheint dann die Melancholie gewissermaßen schon durch und umgekehrt. Auch Mischzustände von Melancholie und Manie können somit über die oben genannten dynamisch gegenläufigen Grundprozesse erfasst werden.

13 Zum Widerspruch zwischen dem melancholiespezifischen „Gefühl der Gefühllosigkeit“ und der ängstlichen Bedrohung in der Melancholie, siehe Kraus, 1996, S.116. Zur Vereinbarkeit beider Phänomene siehe Wölk, 2007, S. 86.

14 Auf den Zusammenhang zwischen der Spontaneität des Denkens und Schematagenerierung hat bereits Kant hingewiesen, siehe Kant, 2002, S. 192.

15 Ein von reflexiver Verarbeitung weitgehend entkoppeltes manisches Denken verweist auf eine besondere Form des Nichts in der Manie, siehe Wölk, 2007, S. 76.

16 Das germanische „skuldi“ (= Schuld) und das sinnverwandte indogermanische „skel“ (= scheiden, trennen, spalten) weisen auf das Abgetrenntsein im Schulderleben hin. Die Forderung des Sollens drückt sich in den Begriffen „skulle“ oder „skal“ (= ich soll) aus, die mit dem Begriff „skel“ verwandt sind. Der Begriff der Schuld weist demnach nicht nur, wie die Angst, auf Vereinzelung hin, sondern enthält darüber hinaus die Forderung, die Trennung in einer noch zu verwirklichenden neuen Einheit zu überwinden.


Dipl.-Psych. Marcus Wölk
Software Consultant
marcus.woelk@web.de

Marcus Wölk ist Diplom-Psychologe und lebt in Karlsruhe. Er hat in Heidelberg mit klinischem Schwerpunkt studiert.
Beruflich ist er seit über 10 Jahren in einer kleinen Unternehmensberatung als Software-Berater tätig. Sein Interesse an Themen im Grenzgebiet zwischen Philosophie und Psychiatrie/Psychologie ist entsprechend von privater Natur geblieben.




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