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Deutsch

Psychopathologie der subjektiven und intersubjektiven Zeitlichkeit


Thomas Fuchs
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Jg. 2 (2009), Ausgabe 1]

Zusammenfassung

Der Aufsatz führt zunächst die Begriffe der impliziten und der expliziten Zeitlichkeit ein, die sich auf die präreflexiv gelebte und die bewusst erfahrene Zeit beziehen. Die implizite Zeit basiert zum einen auf der transzendentalen Synthesis des inneren Zeitbewusstseins, zum anderen auf der konativ-affektiven Dimension des Lebens. Die explizite Zeiterfahrung resultiert aus einer Unterbrechung oder Negation der impliziten Zeit und entfaltet sich in die Dimensionen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. – Im zweiten Teil der Arbeit wird gezeigt, inwiefern Zeitlichkeit und Intersubjektivität eng miteinander verknüpft sind: Während die implizite Zeit durch überwiegende Synchronisierung mit anderen charakterisiert ist, entsteht die explizite Zeit in Situationen der Desynchronisierung, d.h. der Verlangsamung oder Beschleunigung der Eigenzeit im Verhältnis zu äußeren oder sozialen Prozessen. – Auf dieser Grundlage werden im dritten Teil die Schizophrenie und die melancholische Depression als Paradigmen einer Psychopathologie der Zeitlichkeit untersucht. Die Schizophrenie lässt sich als eine Störung der transzendentalen Synthesis des Zeitbewusstseins charakterisieren, mit der Konsequenz einer Fragmentierung des intentionalen Bogens, eines Verlusts der Selbstkohärenz und des Auftretens von Selbst-Störungen. Die Melancholie hingegen wird zunächst durch soziale Desynchronisierungen ausgelöst, in deren Folge sich eine grundlegende Störung der konativ-affektiven Dynamik entwickelt. Trotz dieser grundsätzlichen Unterschiede belegen beide Erkrankungen die enge Verknüpfung von Zeitlichkeit und Intersubjektivität.

Schlüsselwörter: Zeitlichkeit, Intersubjektivität, Desynchronisierung, Melancholie, Schizophrenie

Abstract

The paper first introduces the concept of implicit and explicit temporality, refer­ring to time as pre-reflectively lived vs. consciously experienced. Implicit time is based on the transcendental synthesis of inner time consciousness on the one hand, and on the conative-affective dynamics of life on the other hand. Explicit time results from an interruption or negation of implicit time and unfolds itself in the dimensions of present, past and future. It is fur­ther shown that temporality and intersubjectivity are closely connected: While implicit temporality is characterised by synchronisation with others, explicit temporality arises with states of desynchronisation, that is, of a retardation or acceleration of inner time in relation to external or social processes. On this basis, schizophrenia and melancholic depression are investigated as paradigm cases for a psycho­pathology of temporality. Schizophrenia is marked by a disturbance of the transcendental synthesis of time consciousness, resulting in a fragmentation of the intentional arc, a loss of self-coherence and in the appearance of self-disorders. Melancholia, on the other hand, is triggered by a desynchro­nisation from the social environment and further develops into a disturbance of the conative-affective dynamics of subjective life. Despite these differences, both mental illnesses bear witness of the close connection of temporality and intersubjectivity.

Key words: Temporality, intersubjectivity, desyn­chronisation, melancholia, schizophrenia

Einleitung

Psychische Krankheiten unterbrechen nicht nur die Kontinuität des gewohnten Lebens; sie können auch mit einem grundlegenden Wandel der subjektiven Zeitlichkeit einhergehen, bis hin zu einer Fragmentierung des Selbsterlebens im Zeitverlauf. Nicht umsonst war die Zeitlichkeit seit Minkowski, Straus, Binswanger, v. Gebsattel und Tellenbach ein Hauptthema der phänomenologischen Psychopathologie. Basierend auf den philosophischen Konzeptionen von Bergson, Husserl und Heidegger, haben diese Autoren Störungen der Zeiterfahrung vor allem in der Depression, Zwangsstörung und Schizophrenie untersucht und damit eine Tradition der Zeitpsychopathologie begründet, auf die wiederum philosophische Autoren zurückgreifen konnten.1 Auf kaum einem anderen Gebiet ist der Dialog zwischen Psychiatrie und Philosophie so intensiv und fruchtbar geführt worden.

Diese Tradition lässt sich heute in zweierlei Hinsicht fortführen und weiterentwickeln. Zum einen wurde in der stark lebensphilosophisch und daseinsanalytisch geprägten Literatur nicht immer deutlich zwischen verschiedenen Ebenen der Zeiterfahrung unterschieden, insbesondere zwischen der basalen oder Mikroebene des „inneren Zeitbewusstseins“ (Husserl) und der lebensgeschichtlichen Ebene personaler Zeitlichkeit. Diese Unterscheidung ist aber z.B. für die Abgrenzung psychotischer und neurotischer Störungen der Zeiterfahrung unerlässlich, insbesondere für die auch neuropsychologisch relevanten Störungen der Bewusstseinskohärenz in der Schizophrenie. – Zum anderen wurden die psychopathologischen Abwandlungen der Zeitlichkeit überwiegend unter individuellem Aspekt untersucht, z.B. als Stockung der gelebten Zeit in der Melancholie. Die Zeitpathologie des Depressiven erschien so als eine individuelle Störung, als eine Hemmung des „vitalen Werdens“, das erst sekundär gegenüber der gemeinsamen, sozialen Zeit zurückbleibt.

Nun ist nicht zu bezweifeln, dass die Kontinuität organischen Lebens ebenso wie der bewussten Existenz auf einer Abgrenzung von der Umwelt beruht, die dem Individuum eine eigene, gelebte oder erlebte Zeitlichkeit, eine „Eigenzeit“ zuteilt. Sie kommt in der Selbsterhaltung des Lebewesens gegenüber wechselnden Umweltbedingungen ebenso zum Ausdruck wie in der Synthesis des menschlichen Bewusstseinslebens, vermittels deren sich ein „Selbst“ durch wechselnde Erfahrungen hindurch erhält. Auf der anderen Seite aber ist der Selbstbezug als Voraussetzung für Beständigkeit in der Zeit nicht ohne einen ebenso fortwährenden Fremdbezug möglich. Wie das Individuum Zeitlichkeit lebt und erlebt, lässt sich nicht ohne den impliziten oder expliziten Bezug zum gleichzeitigen Leben der anderen erfassen. Dies bedeutet für die Psychopathologie, dass Störungen der Zeiterfahrung immer auch unter dem Aspekt der intersubjektiven Zeitlichkeit zu analysieren sind.

Die vorliegende Untersuchung hat dementsprechend zum Ziel, die Grundlagen für eine Psychopathologie der subjektiven und intersubjektiven Zeitlichkeit neu zu formulieren, um sie dann auf zwei zentrale psychiatrische Erkrankungen anzuwenden. Dazu werde ich zunächst zwei Ebenen subjektiver Zeiterfahrung unterscheiden (I), sodann ihre jeweilige intersubjektive Dimension untersuchen (II). Mit den damit entwickelten Begriffen werde ich die Schizophrenie und die melancholische Depression als paradigmatische Formen psychischer Krankheiten analysieren (III).

I. Grundstrukturen subjektiver Zeitlichkeit

Ich beginne die Analyse mit der grundlegenden Unterscheidung zwischen impliziter, d.h. präreflexiv gelebter und expliziter oder bewusst erlebter bzw. reflektierter Zeitlichkeit.

(a) Implizite oder gelebte Zeit

Wenn wir ein Kind beim selbstvergessenen, an seine Welt hingegebenen Spielen beobachten, können wir annehmen, dass es keine Zeit erlebt. Die gelebte Zeit ist die der Lebensbewegung selbst, sie ist dem leiblichen Engagement in der jeweiligen Situation mit ihren Valenzen und Aufgaben inhärent; weder Zukunft noch Vergangenheit heben sich als solche vom präreflexiven Dasein ab. Dieser implizite Modus der Zeitlichkeit bleibt immer der Grundstrom unseres Erlebens; wir tauchen jedes Mal ganz in ihn ein, wenn wir von einem Wahrnehmen oder Tun absorbiert sind, etwa in den „flow“-Erlebnissen (vgl. Csikszentmihalyi 1988), in denen sich das Zeiterleben im ungehinderten, flüssigen Vollzug verliert.

Der implizite Zeitmodus ist an zwei zentrale Voraussetzungen gebunden:

1) Die erste ist die basale Kontinuität des Bewusstseins, die Husserl als die Synthesis des „inneren Zeitbewusstseins“ analysiert hat (Husserl 1969). Die bloße Sukzession von Bewusstseinsmomenten könnte als solche noch kein kontinuierliches Erleben etablieren. Erst die voraus- und zurückgreifende Beziehung der Bewusstseinsmomente aufeinander integriert die Abfolge der Erlebnisse zu einer in sich vermittelten Einheit. Husserl hat dies als die Synthesis von Protention (unbestimmtes Vorgreifen), Präsentation („Urimpressionen“ oder Momenteindrücke) und Retention (Behalten des soeben Erlebten im Weggleiten) beschrieben. Dies lässt sich am Hören einer Melodie oder am Sprechen eines Satzes illustrieren: Wir hören die aktuellen Töne (Präsentation), sind uns aber zugleich der soeben verklungenen Töne bewusst (Retention), und erwarten in unbestimmter Weise eine Fortführung der Melodie (Protention). Somit ist die Wahrnehmung keine Abfolge einzelner Töne, sondern ein dynamischer, sich selbst organisierender Prozess, der die gehörten Töne zu einer Melodie integriert. Husserl gebraucht auch häufig die Metapher vom stehend-strömenden „heraklitischen Fluss“. Dabei handelt es sich, in Husserls Terminologie, um eine „passive“, d.h. von selbst erfolgende und nicht aktiv vom Subjekt vollzogene Synthesis. Sie ist die Basis für das, was Merleau-Ponty später den „intentionalen Bogen“ gerichteter Aktivität genannt hat, d.h. für die übergreifenden Zeitgestalten, in denen unser Wahrnehmen (etwa einer Melodie) und Handeln (etwa das Sprechen eines Satzes) sich vollzieht (s. Abb. 1) (Merleau-Ponty 1966, S. 188f).

Abbildung 1

 

Der zeitlichen Kontinuität, die durch die transzendentale Synthesis von Protentionen, Präsentationen und Retentionen erzeugt wird, ist nun auch ein implizites oder präreflexives Selbsterleben inhärent. Wenn ich einen Satz spreche, bilden sich nicht nur Retentionen des eben Gesagten und Protentionen des noch Ungesagten, sondern ich bin mir ineins damit bewusst, dass ich es bin, der gesprochen hat und weitersprechen wird, ohne dass ich dazu auf mich als Sprecher reflektieren muss. Der intentionale Bogen, der Beginn und Ende des Satzes miteinander verknüpft, enthält also zugleich ein implizites Selbstgewahrsein. Die Kontinuität und zeitlichen Einheit des Bewusstseinslebens ist somit verbunden, ja geradezu synonym mit der Kohärenz eines basalen Selbst, das sich mit Merleau-Ponty oder Michel Henry auch als „Ipseität“ bezeichnen lässt.2 Dieses Selbst bildet die Basis für die personale Identität auf höherer Ebene, die sich mit dem erweiterten, reflexiven Selbstbewusstsein entwickelt (siehe unten (b)).

(2) Die zweite Voraussetzung der impliziten Zeitlichkeit ist die grundlegende „energetische“ Dynamik des psychischen Lebens, die sich mit Begriffen wie Antrieb, Trieb, Drang oder Affektion umschreiben lässt, und die ich – im Unterschied zu der eher „kognitiven“ protentional-retentionalen Struktur – als konative Dynamik bezeichnen möchte (von lat. conatus = Bemühung, Anstrengung, Trieb, Drang). Sie begründet die Spontaneität, affektive Gerichtetheit, Aufmerksamkeit und beharrliche Zielverfolgung, die Lebewesen allgemein kennzeichnet, sie verleiht aber auch dem „intentionalen Bogen“ die erforderliche Spannkraft.3 Die Bedeutung der konativen Dynamik für das basale Zeiterleben wird durch dessen Veränderungen in verschiedenen Antriebszuständen deutlich belegt, etwa durch die Akzeleration in der Manie oder die Retardierung in der Depression (s.u.).

Der basale Zeitmodus ist somit an zwei Voraussetzungen gebunden, die sich als transzendentale Synthesis und als transzendentale Konativität bezeichnen lassen.

(b) Explizite oder erlebte Zeit

Der implizite Modus der Zeitlichkeit wird vom expliziten Zeiterleben überlagert, wenn die stetige Dauer des primären „Werdens“ (Bergson) oder selbstvergessenen Tuns unterbrochen wird durch das Plötzliche: etwa im heftigen Schreck bei einem Knall, im überraschten Erstaunen, in jäher Enttäuschung, peinlicher Beschämung oder bei einem schmerzlichen Verlust. In solchen Momenten erfährt die reine gelebte Zeit einen Bruch: „Jetzt” und „Nicht-mehr” scheiden sich voneinander und schaffen eine elementare Zeitgliederung. Das bislang zeitlos Fortwährende löst sich von der Gegenwart und entgleitet in die nunmehr erinnerte (und nicht mehr nur „retendierte“) Vergangenheit. Damit wird die Zeit bewusst oder explizit, sie „läuft weiter“ und trennt uns vom verlorenen Objekt. Diese Erfahrungen des „Nicht-mehr” sind grundsätzlich eher leidvoll; das Bewusstsein von der Vergangenheit schärft sich seit der frühen Kindheit vor allem in Verlusten oder Enttäuschungen.

Erlebte Zeit entsteht demnach primär aus einer Störung oder Negation, sei es in Schreck, Überraschung, Schmerz, Scham oder Verlust – gewissermaßen aus einem „Riss im Sein”, der die gleichförmige Dauer sprengt und das Gewohnte durchbricht.4 – Eine ähnliche Lücke entsteht aber auch in der Richtung der Zukunft, nämlich durch die Trennung zwischen Trieb und Befriedigung, Wunsch und Erfüllung, die in der Fantasie antizipiert wird. Diese Diskrepanz erzeugt eine appetitive Gespanntheit, ein „Aussein auf etwas” und damit ein Zeitdifferential im Modus des „Noch-nicht”. Damit tritt die Zukunft als solche hervor, und wieder wird die Zeit explizit, nämlich als eine Zeitspanne des Erwartens oder Erstrebens, die mit Gefühlen der Spannung, Ungeduld, Unrast oder auch der Sehnsucht und Hoffnung erlebt wird.

Wie sich zeigt, entsteht die explizite, erlebte Zeit in beiden Fällen aus der Negation der impliziten Zeit des reinen Werdens: sei es als verlorene, entleerte, vergangene oder aber als unerfüllte, unbefriedigte, ausstehende Zeit. Sie wird in enger Verbindung mit bestimmten, zeitspezifischen Emotionen erfahren: das „Jetzt” mit Überraschung oder Schreck; das „Nicht-mehr” mit Bedauern, Trauer oder Reue; das „Noch-nicht“ mit Begehren, Ungeduld, Sehnsucht oder Hoffnung. Damit enthält die explizite Zeiterfahrung häufig eine Komponente von Unlust oder Leiden. Verknüpft sie sich noch mit dem Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens, so kann sie die Vorstellung der Zeit als einer eigenständigen, ja unerbittlichen Macht erwecken, die über uns herrscht.5

Auch die explizite Zeit, die sich in die drei Dimensionen der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auseinanderlegt, muss nun wieder synthetisiert werden, um nicht in disparate Fragmente zu zerfallen. Hier handelt es sich jedoch nicht mehr um eine passive oder automatische, sondern um eine vom Subjekt aktiv vollzogene Synthese. Sie setzt ein erweitertes, personales Selbst voraus, das zu sich in ein reflexives Verhältnis tritt und so in der Lage ist, sich einerseits in Gestalt von Plänen oder Projekten in die Zukunft zu entwerfen, andererseits in Form von autobiographischen Narrativen seine Lebensgeschichte anzueignen. Dieses personale Selbst entwickelt sich im Verlauf des zweiten Lebensjahres, nicht zuletzt gerade im Zuge der schon erwähnten Situationen von Schreck, Schmerz, Überraschung oder Scham. Denn solche Situationen erzeugen eine elementare Erfahrung des „Ich-Jetzt-Hier“; sie werfen das Subjekt auf sich selbst zurück und werden damit zum Anlass zunehmender Bewusstwerdung, zum „principium individuationis“ (vgl. Schmitz 1992 sowie Schmitz 1965, § 6).

Das auftauchende personale Selbst überbrückt nun seinerseits durch aktive Synthesis den mit der expliziten Zeitlichkeit entstandenen Hiatus; damit entsteht die lebensgeschichtliche oder biographische Zeit. Vorstufen dazu finden sich etwa in der Entwicklung der „Objektpermanenz“, d.h. der Fähigkeit des Kindes, verschwundene Gegenstände im Gedächtnis zu behalten und die Erinnerung an sie aktiv wieder aufzurufen. Nach Piaget, der den Begriff der Objektpermanenz geprägt hat, ist dies bereits ab dem 8. Lebensmonat möglich (vgl. Markowitsch u. Welzer 2005, S. 153). Die eigentliche Entwicklung des episodisch-autobiographischen Gedächtnisses beginnt ab dem 3. Lebensjahr (ebd. S. 83f., 209ff). Sie ermöglicht im weiteren Verlauf die zunehmende Integration von Vergangenem und Künftigem in die Gegenwart des sich geschichtlich begreifenden, zugleich sein Leben aktiv führenden Selbst. Diese Integration vollzieht sich, indem die Person einerseits, im „Blick zurück nach vorn“, ihre Zukunft auf der Grundlage des bisher Erlebten entwirft, andererseits ihre Geschichte von ihren aktuellen künftigen Möglichkeiten her versteht.6 Das personale Selbst ist damit, in Heideggers Terminologie, eine dialektische Einheit von „Geworfenheit“ und „Entwurf“, oder „geworfener Entwurf“. Es vollzieht sich selbst in der Zeit, ja „Zeitvollzug und Selbstvollzug sind zwei Seiten desselben Vorgangs“, wie Theunissen schreibt (1991, S. 305). Indem wir Zeit aktiv vollziehen und unser Leben führen, verwirklichen oder „zeitigen“ wir uns selbst und verhindern zugleich, dass die explizite Zeit über uns herrscht und wir ihr nur noch passiv ausgesetzt sind.

II. Intersubjektive Zeitlichkeit

Nach der Unterscheidung zweier Ebenen menschlicher Zeitlichkeit wende ich mich nun ihrer intersubjektiven Dimension zu. Dazu betrachte ich nicht mehr die dimensionale Zeitordnung, die sich vom subjektiven Jetzt nach den Richtungen von Zukunft und Vergangenheit entfaltet, sondern die Zeit als relationale Ordnung von Prozessen, die miteinander in Wechselwirkung oder Resonanz treten. – Schon auf der Ebene des biologischen Organismus finden wir eine kontinuierliche Abstimmung zwischen endogenen und exogenen Rhythmen oder Zeitgebern, also eine Synchronisierung der organismischen Eigenzeiten mit der naturgegebenen Periodik von Tag, Monat, Jahr. Solche zeitlichen Abstimmungen oder Rückkoppelungen bestimmen aber auch das Verhältnis des Menschen zu seiner sozialen Umwelt, zwischen der Eigenzeit des Individuums und der lebensweltlichen Zeit oder „Weltzeit“. Straus (1960) spricht in Anlehnung an Hönigswald auch von der „erlebnisimmanenten“ und der „erlebnistranseunten Zeit“.

Bereits der alltägliche Kontakt zu den anderen beinhaltet eine ständige Feinabstimmung der leiblichen und emotionalen Kommunikation, eine zwischenleibliche Resonanz (vgl. Fuchs 2000, S. 244ff ) Die Säuglingsforschung hat gezeigt, wie dieser synchronisierte Kontakt das primäre Erleben des Kindes prägt: Die Kommunikation von Säugling und Mutter ist charakterisiert durch rhythmisch-melodische Interaktionen, wechselseitige Resonanz von Mimik und Gestik ebenso wie durch „Affektabstimmung“ (Stern 1998). Diese Interaktionen sind an eng begrenzte Antwortlatenzen bzw. Kontingenzen im Bereich von 200-800 Millisekunden gebunden – anderenfalls kommt es zu Desynchronisierungen.7 Die zwischenleibliche Kommunikation setzt sich fort in der Entwicklung der gemeinsamen Aufmerksamkeit (joint attention) im 8. Lebensmonat, im gemeinsamen Umgang mit Objekten und schließlich in der sprachlichen Interaktion. Die Mikrodynamik des alltäglichen Umgangs bedeutet also eine von Anfang an eingeübte zeitliche Abstimmung, die uns freilich in der Regel nicht bewusst wird – sie ist Teil des fraglosen „common sense“ (schon die leicht verlängerte Antwortlatenz, die sich beim interkontinentalen Telefonieren einstellt, führt zur Irritation und macht so die sonst implizit wirksame Synchronisierung im Gespräch deutlich). Mit der eingeübten zeitlichen Abstimmung ist das stillschweigende Empfinden verbunden, in zeitlichem Einklang mit den anderen zu sein, mit ihnen in der gleichen, intersubjektiven Zeit zu leben. Minkowski hat dies als „gelebten Synchronismus” bezeichnet (Minkowski 1971, S. 72); man könnte auch von einer basalen Kontemporalität sprechen.

Dieser grundlegenden Kontemporalität mit den anderen werden wir freilich in der Regel kaum gewahr. Explizit werden die Prozesse sozialer Synchronisierung eher in den vielfältigen Formen der Koordination oder des „Timings”: in der Tages- und Wochenregulierung, der Terminabstimmung, Pünktlichkeit, in einem weiteren Sinn überhaupt in allen wechselseitigen Verpflichtungen und Absprachen. Synchronisierungen prägen auch unsere lebensphasischen Veränderungen und Entwicklungen. Die wesentlichen biographischen Übergänge (Schul-, Berufseintritt, Heirat, Karrierestufen, Berentung usw.) sind mehr oder minder stark normiert und verbinden die Individuen verschiedener Kohorten miteinander. Schließlich besteht eine grundlegende „Zeitgenossenschaft“ von Angehörigen der gleichen Kultur mit ihren spezifischen Geschichte, ihren Werten, Stilen, Umgangsformen usw.

Diese Überlegungen haben somit zu einer zweiten Ebene intersubjektiver Zeitlichkeit geführt, in der die Synchronisierungen weniger implizit und spontan verlaufen, sondern eher explizit oder konventionell etabliert werden. – Diese zeitlichen Abstimmungen bleiben freilich nicht konstant, sondern durchlaufen wiederkehrende Desynchronisierungen. Wir können dabei ein Zurückbleiben und ein Vorauseilen der Eigenzeit gegenüber den sozialen Prozessen, oder Retardierung und Akzeleration unterscheiden:

Abbildung 2: Desynchronisierungen von Eigenzeit und Weltzeit

 

Die Übereinstimmung oder Synchronie von Eigen- und Weltzeit vermittelt das Wohlbefinden, die erfüllte Gegenwart, in der man ohne explizites Zeitbewusstsein verweilt, ganz dem eigenen Tun oder der Resonanz mit anderen hingegeben. Zugleich konstituiert sich das intersubjektive „Jetzt“ durch die gemeinsame Bezugnahme etwa im Zeigen, Blicken oder Sprechen, besonders natürlich im indexikalischen Wortgebrauch („hier“, „dieses“, „jetzt“), also letztlich durch die Anwesenheit des anderen. Gegenwart im vollen Sinn ist die eines „Gegenüber“, einer Person.

Hingegen macht das ”Zu-früh”, die Akzeleration der Eigenzeit gegenüber äußeren Abläufen das Warten erforderlich. Im Warten begegnen wir einer uns auferlegten, langsameren Zeitstruktur, auf die wir mit Geduld oder Ungeduld reagieren können. Aber auch in der Langeweile wird die Diskrepanz von eigenem Antrieb oder Interesse und mangelnder äußerer Stimulation unangenehm spürbar. Unruhe und Getriebenheit als weitere Akzeleration der Eigenzeit können sich in pathologischen Fällen bis zur manischen Erregung steigern, in der sich die Zeit des Individuums von den natürlichen und sozialen Rhythmen weitgehend abkoppelt (Antezedenz).

Leidvoller wird in der Regel die Retardierung der Eigenzeit erfahren, also das relative „Zu-spät”. Als Pendant zum Warten ergibt sich zunächst der „Zeitdruck“, der aus einem aufzuholenden Rückstand resultiert. Andere Erfahrungen der Remanenz, des Zurückbleibens sind einschneidender: So bedeutet etwa Krankheit eine Verlangsamung, ein Nicht-mehr-Können und damit ein partielles Ausgeschlossensein vom Leben der anderen. Trauer ist der Ausdruck eines Bruchs, den die gelebte Synchronie mit Anderen erlitten hat; der Trauernde kann sich nicht von der gemeinsamen Vergangenheit lösen, während die soziale Zeit weiterläuft. Auch die Schuld, das Zurückbleiben hinter den Erwartungen oder Verpflichtungen, hat eine retardierende Struktur, insofern sie die Person an Versäumnisse der Vergangenheit fixiert. Eine mehr oder minder ausgeprägte Desynchronisierung von der intersubjektiven Zeit kennzeichnet schließlich die melancholische Depression (Remanenz).

Ich fasse zusammen: Die intersubjektive Zeit lässt sich als eine relationale Ordnung von individuellen und sozialen Prozessen betrachten, die grundsätzlich durch Synchronisierungen und Desynchronisierungen charakterisiert sind. Während die gelebte oder implizite Zeit grundsätzlich mit Synchronie verbunden ist, entsteht das explizite Zeiterleben vor allem in desynchronisierten Zuständen: Die Irreversibilität und die „Herrschaft“ der Zeit erfahren wir vor allem in Diskrepanzen, Remanenzen oder Trennungen von anderen, auf die unsere gelebte Zeit primär bezogen ist. Zeit wird besonders in der Ungleichzeitigkeit erfahrbar: als das „Zu-früh” oder „Zu-spät”, und damit als Zeit, die „kriecht“ oder „eilt“, die „vergeht“ oder gegen die man kämpft. Damit ähnelt sie der Gesundheit, die uns eigentümlich verborgen bleibt, solange wir nicht erkranken; oder dem Gleichgewicht, das wir erst in seinem Verlust, im Schwanken und im Schwindel kennenlernen. Aber es ist nicht „die Zeit“ als eine metaphysische Wesenheit, die wir dabei erfahren, sondern es sind Veränderungen in der Zeitigung unserer Existenz, die sich aus ihrem Verhältnis zu den Rhythmen und Prozessen ergeben, in die unser Leben von Beginn an eingebettet ist. Die Zeit, die uns äußerlich und scheinbar eigenständig gegenübertritt, wird tatsächlich nur in Relationen erfahren, und zwar primär in der Beziehung zu den Anderen, d.h. in Desynchronisierungen der intersubjektiven Zeitordnungen.

III. Psychopathologie der subjektiven und intersubjektiven Zeit

Im ersten Abschnitt habe ich die beiden grundlegenden Ebenen subjektiver Zeitlichkeit dargestellt:

  1. die implizite oder gelebte Zeit, basierend auf der protentional-retentionalen Verknüpfung und der konativ-affektiven Dynamik des Bewusstseinslebens;
  2. die explizite, erlebte bzw. autobiographische Zeit, zugleich die dimensionale Zeit von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, die letztlich auf dem personalen Selbstverhältnis beruht.

Diese beiden Ebenen sind in der klassischen und phänomenologischen Psychopathologie nicht immer deutlich voneinander unterschieden worden. So hat etwa Binswanger in seiner Studie über „Melancholie und Manie“ (1960) die Husserlschen Begriffe der Protention, Präsentation und Retention als kongruent mit Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit (miss-)verstanden und daher die Blockade der Zukunft in der Depression fälschlich als Protentionsstörung interpretiert. Darüber hinaus blieb die intersubjektive Dimension der Zeitigungsstörungen in der Psychopathologie weitgehend ausgeblendet. Ich werde im Folgenden zunächst die Schizophrenie, dann die Depression als paradigmatische Störungen der subjektiven und intersubjektiven Zeitlichkeit analysieren.

a) Schizophrenie als Störung der basalen Selbstkohärenz

„Ich bin gar nicht in der Lage, mein Selbst zu empfinden. Wer jetzt hier spricht, ist das falsche Ich (...) Beim Fernsehen wird es noch seltsamer. Obwohl ich jede Szene richtig sehe, verstehe ich die Handlung insgesamt nicht. Jede Szene springt über in die nächste, es gibt keinen Zusammenhang. Auch der Lauf der Zeit ist sonderbar. Die Zeit fällt auseinander und läuft nicht mehr voran. Es entstehen bloß unzählige auseinandergefallene Jetzt, Jetzt, Jetzt, ganz verrückt und ohne Regel oder Ordnung. Genauso ist es mit meinem Selbst. Je nach Augenblick entstehen und verschwinden unterschiedliche Selbst ganz ohne Regel. Es gibt keine Verbindung zwischen meinem jetzigen Ich und dem vorherigen.“ 7
“You are dying from moment to moment and living from moment to moment, and you’re different each time.” 8

Die beiden Patienten schildern eine zeitliche Fragmentierung des Selbsterlebens, die nach der im Folgenden vertretenen Auffassung als eine Grundstörung der Schizophrenie anzusehen ist. Insbesondere Symptome wie formale Denkstörungen, Gedankenentzug oder –eingebung, Willensblockade oder –beeinflussung und schließlich der „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“ ( Blankenburg 1971) lassen sich danach als Resultate einer Fragmentierung des intentionalen Bogens auffassen, der allen Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsvollzügen, aber auch dem Selbstvollzug zugrundeliegt (s.o. S. 4). Diese Störung der Selbstkohärenz hat unmittelbare Auswirkungen auf die intersubjektive Synchronisierung, so dass die Schizophrenie immer auch als eine Störung des „Zwischen“ (vgl. Kimura 1995), d.h. der basalen Intersubjektivität oder „Kontemporalität“ in Erscheinung tritt. Ich will dies nun schrittweise näher erläutern.

1) Fragmentierung des intentionalen Bogens

Betrachten wir zunächst zwei Beispiele für schizophrene Denkstörungen:

„Ich kann mich noch recht gut auf das konzentrieren, was die Leute sagen, solange sie einfach sprechen. Aber wenn sie zu langen Sätzen übergehen, verliere ich den Sinn. Es ist dann nur noch ein Haufen von Wörtern, die ich aneinanderreihen muss, damit sie einen Sinn ergeben.“ (Chapman 1966)

“Ich muss die Gedanken heraussuchen und sie zusammensetzen. Ich kann die Gedanken nicht so kontrollieren, wie ich es eigentlich will … Ich denke etwas, sage es aber anders ... Neulich konnte ich gar nicht die Worte finden, um einen richtigen Satz zu sprechen.“( McGhie u. Chapman 1961)

Gewöhnlich werden Worte nicht einzeln, sondern als Elemente eines sinnvollen Ganzen verstanden oder gesprochen. Dieser semantischen Verknüpfung liegt aber eine zeitliche zugrunde, nämlich die protentional-retentional erzeugte Kohärenz des Bewusstseins. Ist diese passive zeitliche Synthesis gestört, dann sind die Patienten nicht mehr in der Lage, den intentionalen Bogen des Zuhörens oder Sprechens durchzuhalten, und müssen stattdessen die Sätze aus einzelnen Wörtern aktiv zusammensetzen. Übergreifende Sinneinheiten stehen dann nicht mehr in selbstverständlicher Weise zur Verfügung. Die Kontinuität des intentionalen Bogens zerfällt und hinterlässt zeitliche Lücken, die in schwereren Fällen als Gedankenblockade bzw. –entzug erlebt werden. Dieser Übergang von einfachen „Konzentrationsstörungen“ zu Gedankenblockaden, –interferenzen und schließlich –eingebungen kann seine Erklärung freilich nicht mehr in einer bloßen Aufmerksamkeits- oder Auffassungsstörung finden, die die Ebene semantischer Verknüpfungen beträfe. Die Störung muss vielmehr auf der transzendentalen Ebene der zeitlichen Bewusstseinskonstitution selbst zu lokalieren sein.

Von phänomenologischer Seite sind die Husserlschen Analysen des inneren Zeitbewusstseins bereits verschiedentlich zur Analyse der schizophrenen Denk- und Ich-Störungen herangezogen worden (so etwa Fuchs 2000, 144ff., 2007a; Gallagher 2000, 2005, Mishara 2007; Vogeley & Kupke 2007). Dabei wurde vor allem einer Beeinträchtigung der Protentionsfunktion eine maßgebliche Rolle zugewiesen, die ich etwas näher betrachten will.

Abbildung 3: Die Protention als „Kegel von Wahrscheinlichkeit“ ( vgl. dazu auch Fuchs 2007a)

 

Die Protention stellt eine nur ungefähr bestimmte Erwartung oder Offenheit dar; sie eröffnet ein Feld von unterschiedlich wahrscheinlichen Möglichkeiten, gewissermaßen einen „Kegel von Wahrscheinlichkeit“ (Abb. 3). Dieser Kegel entspringt jeweils im „Jetzt“ und schiebt sich ständig voran. Innerhalb des Kegels liegt das mehr oder minder Wahrscheinliche, außerhalb das völlig Unerwartete. Was wahrscheinlich ist, wird bestimmt von meinen jeweiligen Retentionen, meinen gegenwärtigen Eindrücken und meinen Intentionen – ich spreche etwa einen Satz, bin mir seines Beginns, seines Fortgangs und Ziels bewusst und richte danach meine Rede aus. Um mein Sprechen „auf der Spur zu halten“, müssen aber auch unpassende Einfälle oder Assoziationen inhibiert werden. Gerichtetes Denken ist ein selektiver Prozess, der ständig inadäquate Assoziationen hemmt, oder wie Janzarik formulierte, desaktualisiert (Janzarik 2004). Die (unscharfen) Ränder des Kegels werden somit durch meine intentionale Ausrichtung und zugleich durch die Inhibition störender Assoziationen gebildet. Protentionale Spannung und desaktualisierende Hemmung fallen zusammen.

Fallen nun die protentionalen und damit die vorbereitenden bzw. antizipierenden Prozesse aus, dann kommen die Ereignisse gleichsam zu schnell für das wahrnehmende Bewusstsein:

„Wenn ich mich zu rasch bewege, komme ich unter Druck. Die Dinge gehen dann zu schnell für mich. Sie werden unscharf, und es ist wie wenn man blind wäre. So als sähe man ein Bild im einen Moment und ein anderes Bild im nächsten.“ (McGhie u. Chapman 1961)

“My feeling of experience as my own experience only appears a split second delayed” (Parnas 2005, p. 245).

Darüber hinaus misslingt bei einer Störung der Protention aber auch die Desaktualisierung von unpassenden Assoziationen oder Impulsen. Störende Gedanken oder Körperbewegungen können dann in den intentionalen Bogen eindringen, dabei aber nur im retentionalen Modus, also gewissermaßen im Nachhinein erlebt werden. Sie tauchen im Bewusstsein gleichsam als „erratische Blöcke“ auf, von denen die Patienten überrascht werden – freilich nicht im normalpsychologischen Sinn des Plötzlichen, das wir auf der Ebene der expliziten Zeit untersucht haben, sondern derart, dass das Bewusstsein von sich selbst überrascht wird. In dieser „transzendentalen Nachträglichkeit“ liegt der entscheidende Grund für die schizophrenen Ich-Störungen: Die unvorhergesehenen Gedanken- oder Bewegungsfragmente, auf die der Patient in der Retention trifft, kann er nur als radikal ich-fremd und äußerlich erleben.9

„Zuerst habe sie nur Schwierigkeiten bei der Hausarbeit bemerkt. Da sei ihr dauernd etwas dazwischengekommen, andere Gedanken, aber auch störende Bewegungen. So sei sie sich mitten im Kochen plötzlich mehrmals hintereinander mit der Hand an die Stirn gefahren ... Die Bewegungen seien ganz von selbst abgelaufen, sie habe überhaupt keine Gewalt darüber gehabt ... Von da an habe sie jede ihrer Bewegungen genau beobachtet und dabei bemerkt, dass sie wirklich ‘wie ein Roboter’ herumgelaufen sei.“ – „Sie sei inzwischen überzeugt, dass außerirdische Mächte in der Lage seien, sie zu kontrollieren und dabei auch ihre Bewegungen zu steuern.“ (Klosterkötter 1988, 163)

Der Zerfall des intentionalen Bogens geht also mit einer Externalisierung der Fragmente einher: Bewegungsimpulse, die nicht antizipiert und der eigenen Spontaneität zugeschrieben werden können, müssen als Willensbeeinflussung erlebt werden. Das Gleiche gilt für auftauchende Gedanken: Sie sind dann nicht mehr eingebettet in die Kontinuität des basalen Selbsterlebens, sondern erscheinen als eingegeben oder, bei weiterer Externalisierung, schließlich als „Stimmen“. Damit verbunden ist eine transzendentale Depersonalisation:

„Ich konnte nicht mehr denken, wie ich wollte, mich nicht mehr mitteilen ... Es war, wie wenn einer gar nicht mehr selber denkt, an seinem eigenen Denken gehindert wird. Ich hatte den Eindruck, dass alles, was ich denke, überhaupt nicht meine eigenen Ideen sein müssen ... als ob ich es überhaupt nicht mehr selber sein müsste, der da denkt. Ich fing an zu überlegen, bin ich das noch oder bin ich eine ausgetauschte Person“ (ebd., 111).

Die Synthesis des inneren Zeitbewusstseins ist, wie wir sahen (S. 4), mit einem impliziten Selbstgewahrsein verbunden. Durch eine Störung der transzendentalen Synthesis verlieren daher nicht nur einzelne Bewusstseinsereignisse ihre Selbstzugehörigkeit; zugleich muss auch das Selbsterleben affiziert sein, wie dies bereits die beiden Patienten zu Beginn dieses Abschnitts geschildert haben (S. 11). Sie sind sich zwar ihres empirischen oder personalen Ich bewusst und können auf sich reflektieren; diese Reflexion kommt jedoch immer schon zu spät und kann die basale Selbstkohärenz nicht ersetzen („Wer jetzt hier spricht, ist das falsche Ich“). Der Quellpunkt des Selbst oder der Ipseität liegt in der spontanen Verknüpfung der „Urimpression“ mit Protention und Retention; er kann durch eine nachträgliche Konstatierung des Erlebten nicht mehr eingeholt werden. Hier handelt es sich also nicht mehr um die pathologische „transzendentale Nachträglichkeit“, sondern um die Nachträglichkeit, die der Reflexion immer zukommt.

Aus phänomenologischer Sicht lassen sich also zentrale schizophrene Symptome auf eine Störung der transzendentalen Konstitution des „inneren Zeitbewusstseins“ oder der gelebten Zeit zurückführen. Diese Störung manifestiert sich in einer Desintegration intentionaler Vollzüge, in einer Fragmentierung der basalen Selbstkohärenz und damit letztlich in einer transzendentalen Depersonalisation.

Diese Analyse hat ihre Entsprechungen auf neuropsychologischer Ebene: So zeigen schizophrene Patienten reduzierte Aufmerksamkeitsspannen und Störungen in der Planung, Initiierung, Sequenzierung und Synchronisierung von Sprach- oder Handlungsvollzügen. Diese Störungen lassen sich als Fragmentierung des intentionalen Bogens, insbesondere als eine Überforderung der Protentionsfunktion verstehen (vgl. etwa Braus 2002, Manoach 2003, Kaiser u. Weisbrod 2007, Mishara 2007). Andreasen hat sie unter dem Konzept der „Kognitiven Dysmetrie“ zusammengefasst und auf ein hypothetisches Diskonnektionssyndrom in kortiko-zerebellär-thalamischen Schaltkreisen zurückgeführt (vgl. Andreasen et a1. 1998). Explizit hat Fuster die Husserlsche Konzeption des Zeitbewusstseins zu den Funktionen des präfrontalen Kortex in Beziehung gesetzt, nämlich die Retention zum Arbeitsgedächtnis, die Präsentation zur Interferenzkontrolle bzw. selektiven Aufmerksamkeit und die Protention zum „preparatory set“. “Integration across time is a basic function of the prefrontal cortex and the basis of its cardinal role in the temporal organization of behaviour.”(Fuster 2003; vgl. auch Fuster 1997) Für Störungen der Integration dieser Grundfunktionen bei Schizophrenen auf neurobiologischer Ebene finden sich zunehmend empirische Hinweise (vgl. Vogeley et al. 1999, Vogeley u. Kupke 2007).

2) Basale Stadien der Selbststörung

Die bisherige Analyse bezog sich auf Fragmentierungen der Bewusstseinskontinuität, wie sie sich in schizophrenen Denk- oder Ich-Störungen manifestieren. Nun finden sich in den Basisstadien der Erkrankung vielfach subtilere Störungen der Selbstkohärenz, die noch nicht den Charakter von Brüchen des intentionalen Bogens aufweisen, sondern eher auf eine Schwächung des ihm inhärenten Selbstgewahrseins bzw. der Ipseität hinweisen (vgl. Parnas 2000). Auch sie können aber die Kontinuität des Selbsterlebens in Frage stellen, wie in folgender Fallschilderung deutlich wird:

Ein 32-jähriger Patient berichtet, er sei etwa seit dem 16. Lebensjahr immer mehr in Zweifel geraten, ob seine Eigentümer wirklich die richtigen oder insgeheim von anderen ausgetauscht worden seien. Schon wenn ihm eigene Dinge kurze Zeit aus dem Blick gekommen seien, habe er an ihnen gezweifelt. Beim Einkaufen argwöhnte er, der Verkäufer hätte den ausgewählten Gegenstand beim Einpacken vertauscht, und konnte ihn daher nicht mehr benutzen. Wenn er beim Studium einen Moment unaufmerksam war, dachte er, der neben ihm sitzende Kommilitone habe sein Buch ausgetauscht; er musste es wegwerfen, und daher ständig neue Bücher kaufen. Zusehends verlor er „das Vertrauen in die Umgebung“. Nach Abbruch des Studiums im 21. Lebensjahr begann er schließlich zu zweifeln, ob seine eigenen Arme oder die von jemand anderem eine Tätigkeit machten. Er habe seine Arme von den Händen bis zum Rumpf verfolgt, sich ganz auf die Hände und die Kraftausübung konzentriert, um zu spüren, dass er doch eigene Arme habe. Dennoch habe er immer wieder hinter sich blicken müssen, um zu sehen, ob da nicht jemand stehe und sie bewege. Nun bezweifelte er die einfachsten Handlungen. Wenn er eine Bewegung nur etwas zu schnell machte, musste er sie wiederholen, um sicherzugehen, dass es seine eigene war. Schließlich benötigte er endlose Zeit, um sich auch nur anzuziehen, da er immer wieder überprüfen musste, ob er die Kleider richtig hielt, ob die Hose auch richtig sitze, ob er selbst sie angezogen habe, usf. Jeder alltägliche Handgriff sei für ihn „wie eine Mathematikaufgabe“ geworden.11

Der Patient kann zunächst der Konstanz und Identität seiner Besitzstücke nicht mehr vertrauen. Die Objektpermanenz ist damit zwar auf der Ebene der expliziten oder erlebten Zeit erhalten – d.h. der Patient erkennt die Objekte wieder –, gleichwohl wird sie aber unterminiert durch den Verlust ihrer impliziten „Meinhaftigkeit“ und Vertrautheit. Nach und nach geht auch die Meinhaftigkeit der eigenen Bewegungen verloren und muss gleichsam von außen, nämlich durch konzentrierte Selbstbeobachtung mühsam hergestellt werden. Zunehmend beginnen nun die Sinneinheiten intentionaler Handlungen und automatisierter Gewohnheiten zu zerfallen. Um diese „Desautomatisierung“ intentionaler Vollzüge zu kompensieren, muss der Patient einfachste Handlungen bewusst vorbereiten und aktiv „produzieren“, also explizit und Stück für Stück das zusammenzusetzen, was seine einheitliche Zeitgestalt verloren hat. – Im Rückblick lässt sich annehmen, dass bereits in den Anfangsstadien dieser langjährigen Entwicklung eine Schwächung des basalen Selbsterlebens vorlag (Parnas 2000, 2003), die sich in einem Verlust des Grundvertrauens in die Kontinuität der persönlichen Welt manifestierte. Da die Störung der Ipseität nicht als solche bewusst wird – liegt sie doch gewissermaßen im Zentrum oder im „blinden Fleck“ des Erlebens selbst –, muss die Verfremdung der Objekte auf einen Austausch durch andere zurückgeführt werden.

Der von dem Patienten geschilderte “Zusammenbruch der Gewohnheitshierarchien” (Süllwold 1973) macht deutlich, dass auch die Ursache des „Verlusts der natürlichen Selbstverständlichkeit“ in einer Störung der basalen Selbstkohärenz zu suchen ist: Der intentionale Bogen gewohnter Vollzüge kann vom Selbst nicht mehr durchdrungen werden. Dafür ein weiteres Beispiel:

„Seit einiger Zeit ist es so, dass ich mir immer vorstelle, wie ich etwas mache, bevor ich es dann auch mache. Wenn ich mich z.B. hinsetzen will, muss ich mir das vorher vorstellen und mich fast hinsetzen sehen, bevor ich es tue. Genauso ist es mit anderen Dingen wie Waschen, Essen, sogar Anziehen – Dinge, die ich früher gemacht habe ohne mich überhaupt darum zu kümmern ...“ (McGhie u. Chapman 1961)

Die Desintegration selbstverständlicher Handlungseinheiten hat also zur Folge, dass die Patienten oft jede einzelne Bewegung bewusst erzeugen müssen, in einer gewissermaßen „cartesianischen“ Einwirkung des Geistes auf den Körper: Das „implizite Wissen“ des Leibes geht verloren, und an seine Stelle tritt eine „hyperreflexive“ Selbstbeobachtung und Selbststeuerung (vgl. Sass 1992). – Generell lässt sich bereits in den Basisstadien, aber auch im Verlauf der Erkrankung beobachten, wie die Patienten den Zerfall der gelebten Zeit durch explizite, „künstliche“ Kontinuitätserzeugung zu kompensieren versuchen. Dazu gehören vor allem Strategien „rationaler Rekonstruktion“, die Bildung von Ritualen oder die Minimierung äußerer Veränderung, etwa im autistischen Rückzug.

Ein 35-jähriger, chronisch schizophrener Patient findet seine Hauptbeschäftigung im Fotografieren der Situation, die er von seinem Fenster aus sieht. Er zeigt diese Fotos regelmäßig seinem Psychiater mit Kommentaren wie: „Hier ist ein Auto.“ – „Da, das Auto hat sich in der Nacht nicht bewegt.“ – „Das ist dasselbe Auto an einem anderen Tag, hier sind welke Blätter auf dem Dach.“ – „Die Zeit vergeht, aber die Dinge ändern sich nicht. Ich finde die Zeit in Fotografien.“ (Wiggins u. Schwartz 2007)

Dass die Zeit vergeht, während die Dinge bleiben, gehört freilich zu Grundtatsachen unserer Welt. Für den Patienten ist diese Permanenz jedoch nicht selbstverständlich, sondern muss explizit abgesichert werden. Husserls „Urdoxa“ oder „Weltglaube“, nämlich die fraglose Annahme, dass die Welt so weiter existiere wie bisher – „Die reale Welt ist nur in der beständig vorgezeichneten Präsumption, dass die Erfahrung im gleichen konstitutiven Stil beständig fortlaufen werde“ (Husserl 1929, S. 222) – dieser Glaube ist für den Patienten erschüttert. Die Kontinuität der Welt und ihrer Dinge beruht auf der Kontinuität des basalen Selbsterlebens; der Patient jedoch muss diese inhärente Dauer der gelebten Zeit rekonstruieren, also die Zeitfragmente, die er in Fotografien erfasst, aktiv zusammensetzen. – Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr verwunderlich, dass schizophrene Patienten sogar überzeugt sein können, dass die Fortdauer der Welt von ihnen abhängig sei. Sie entwickeln komplizierte, täglich auszuführende Rituale, um diese Fortdauer abzusichern, ähnlich wie Gott nach der theologischen Konzeption der „creatio continua“ die Welt fortwährend erhält. – Betrachten wir noch ein weiteres Fallbeispiel:

„Wenn ihm ein Gedanke durch den Kopf geht, muss er seine Aufmerksamkeit rückwärts richten und sein Bewusstsein untersuchen, um ganau zu wissen, was er gedacht hat; er ist ständig mit der Kontinuität seines Denkens beschäftigt. Er hat Angst davor, er könnte für einen Moment zu denken aufhören, es könnte einmal vorgekommen sein, dass ‚meine Vorstellung stillstand’. Eines Nachts wacht er auf und fragt sich: ‚Denke ich eigentlich gerade? Da es nichts gibt, das beweist, dass ich denke, kann ich nicht wissen, ob ich existiere’“ (Parnas u. Handest 2003).

In ähnlicher Weise musste ein Patient der eigenen Klinik jeden Morgen genau rekonstruieren, was er tags zuvor getan hatte, um sicher zu gehen, dass er noch dieselbe Person sei. Er konnte aber nie völlige Gewissheit erlangen und grübelte darüber nach, ob er nicht durch eine andere Person ersetzt worden sei. – Diese Patienten zeigen eine krankhafte Variante dessen, was John Locke oder neuerdings Derek Parfit für die Basis personaler Identität halten (Locke 1975, II, xxvii, 9; Parfit 1984), nämlich die Fähigkeit, sich explizit an frühere Zustände der eigenen Person zu erinnern und sie mit dem gegenwärtigen zu verknüpfen. Offensichtlich reicht diese Fähigkeit nicht aus: Ohne die basale Kontinuität des Selbsterlebens bzw. der Ipseität vermittelt die nachträgliche, explizite Erinnerung kein sicheres Identitätsgefühl. Die Patienten liefern somit Gegenbeispiele für rationalistische Konzeptionen personaler Identität.

3) Störung der intersubjektiven Zeitlichkeit

Die Schwächung der basalen Selbstkohärenz betrifft in jeder Phase der Erkrankung auch die intersubjektive Zeitlichkeit. – Die grundlegende „Kontemporalität“ mit anderen beruht, wie wir sahen (s.o. S. 7f.). vor allem auf der von Kindheit an eingeübten zeitlichen Abstimmung im alltäglichen Umgang. Diese impliziten Muster zwischenleiblicher Kommunikation stehen schizophrenen Patienten schon in prämorbiden Stadien nicht in gleicher Weise zur Verfügung; es mangelt ihnen an der spontanen und intuitiven Basis sozialer Interaktion. Die zwischenleiblich-affektive Kommunikation oder Resonanz ist grundlegend beeinträchtigt; die Patienten haben Schwierigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen und den Gesichtsausdruck oder die Gestik anderer zu verstehen (vgl. etwa Berndl et al. 1986, Steimer-Krause et al. 1990). Umgekehrt ist ihr eigenes Ausdrucksverhalten häufig reduziert, starr und desynchronisiert von dem ihres Gegenübers. Eine grundlegende Entfremdung von der sozialen Welt und autistischer Rückzug sind die Folge (Parnas et al. 2002); die Lebensweise anderer Menschen und ihre Interaktionen erscheinen im Grunde unverständlich.

„Als kleines Mädchen beobachtete ich meine Cousinen, um herauszufinden, wann der richtige Moment zum Lachen war, oder um zu sehen, wie sie miteinander umgehen konnten, ohne alles vorher durchzudenken. Seit der Kindheit versuche ich zu verstehen, wie die anderen funktionieren, und ich muss den ‚kleinen Anthropologen’ spielen.“ (Stanghellini 2004, S. 99)

„Mir fehlen die Regeln für den Umgang mit anderen. Ich habe schon ganze Nachmittage im Park verbracht und beobachtet, wie sie miteinander umgehen.“ (S. 115)

Die schizophrene Störung des „Common sense“ (Blankenburg 1969, Stanghellini 2004) manifestiert sich in einer Ratlosigkeit oder Verwunderung angesichts der Komplexität der sozialen Welt, im Mangel eines intuitiven Wissens um soziale Umgangsformen, und schließlich wiederum im Versuch, diesen Mangel durch explizite Regeln oder „Algorithmen“ zu ersetzen, die die Patienten aus der Beobachtung der anderen gewonnen haben. Sie haben nicht die Sicherheit der Kontemporalität entwickelt, die fraglose Gewissheit, mit anderen in einer gemeinsamen Zeit, in emotionaler Resonanz und Synchronie zu leben. Dazu kommt die Überforderung durch die zugleich verbale und non-verbale Interaktion, die besonders hohe Anforderungen an die protentional-retentionale Verarbeitungskapazität stellt (vgl. das Fallbeispiel S. 12). Der schizophrene Autismus lässt sich vor diesem Hintergrund auch als Versuch verstehen, die Komplexität der sozialen Sphäre zu reduzieren und das mangelnde Synchronisierungsvermögen durch Vermeidung überfordernder Interaktionen auszugleichen.

Eine noch gravierendere Störung der intersubjektiven Zeitlichkeit stellt der schizophrene Wahn dar. Er lässt sich als eine Verfehlung und Verweigerung der Perspektivenübernahme auffassen, also der Fähigkeit, unter Einbeziehung des Standpunkts des anderen in die offene, dialektische Bewegung des Gesprächs einzutreten. In dieser Bewegung können neue Gesichtspunkte zu einer Veränderung der eigenen Sichtweise führen, die wiederum den anderen zu einer modifizierten Sicht veranlassen kann, usf. Kennzeichen des Wahns ist nun gerade die Umdeutung aller entgegenstehenden Evidenz im Sinne eines rigiden „Bildbildungsschemas“ (Binswanger 1965): Im Verfolgungswahn wird jede Harmlosigkeit zu einem besonders raffinierten Versuch der gewähnten Verfolger, den Patienten zu täuschen; im Liebeswahn ist jede Äußerung einer Ablehnung seitens des vermeintlichen Liebhabers ein Wink, der Entgegengesetztes mitteilt, usf. Die Interpretation aller kommunikativen Akte im Rahmen des Wahns schließt also die intersubjektive Dialektik und damit Zukunft aus. Die Oszillation zwischen der eigenen und der fremden Perspektive wird eingefroren, und der andere erscheint unter einem gleichförmig-starren Aspekt – Nietzsche sprach von der mangelnden Perspektivenbeweglichkeit als „Aspektsklerose“.

Damit ermöglicht es der Wahn, die durch die basale Zeitfragmentierung immer wieder erzeugten, irritierenden „Überraschungen“ zu vermeiden, in denen das Bewusstsein gleichsam zu spät kommt: Die der Kontinuität des Selbsterlebens entglittenen Intrusionen, Gedankeneingebungen und andere Ich-Störungen werden auf expliziter Ebene „retemporalisiert“, nämlich in ein wahnhaft fixiertes Narrativ eingegliedert. Damit verlieren sie bis zu einem gewissen Grad ihre existenzielle Bedrohlichkeit: Die innerweltliche Bedrohung des empirischen Subjekts durch vermeintliche Verfolger ist gering im Vergleich zu der ontologischen Bedrohung, die der Verlust des transzendentalen Selbst darstellt. Der Preis für die Neutralisierung dieser Gefahr besteht allerdings in einem Verlust des „Jetzt“, nämlich der intersubjektiven Gegenwart mit ihrer offenen Zukunft.12 Die eingefrorene Realität des Wahns stellt die erlebte, biographische Zeit still, um so die Fragmentierung der gelebten Zeit zu kompensieren.

Zusammengefasst liegt der Kernsymptomatik der Schizophrenie nach der hier vertretenen Auffassung eine Störung der transzendentalen Synthesis des Bewusstseins zugrunde. Sie äußert sich in akuten Stadien in einer Fragmentierung des intentionalen Bogens und der mit ihm verknüpften Selbstkohärenz bis hin zum Auftreten von Ich-Störungen. Aber auch in prämorbiden oder chronischen Stadien der Erkrankung zeigt sich eine Schwächung der Selbstkohärenz, die zu einem Verlust des selbstverständlichen Lebensvollzugs führt und durch rationale Rekonstruktion auf der Ebene der expliziten Zeit notdürftig kompensiert werden muss. In allen Stadien geht diese Störung der Selbstkonstitution mit tiefgreifenden Desynchronisierungen der intersubjektiven Zeitlichkeit einher, die im Wahn als „eingefrorener Realität“ kulminieren.

b) Depression als konativ-affektive Desynchronisierung

Der holländische Psychiater Piet Kuiper schreibt in seiner Schilderung einer eigenen schweren Depression:

„Was geschehen ist, kann man nicht ungeschehen machen. Nicht nur die Dinge vergehen, sondern auch die Möglichkeiten verstreichen ungenutzt. (...) Das eigentliche Wesen der Zeit ist untilgbare Schuld.“ – „Die Zeit wird mir zur erdrückenden Last.“ – „Der tiefste Abgrund, in den ich stürze, ist der Gedanke, daß selbst Gott mir nicht helfen kann, denn er kann nichts ungeschehen machen.“ (Kuiper 1991, S. 58, S. 157, S. 162)

In der melancholischen Depression wird die Zeit in einem Maße explizit, dass sie sich gleichsam in eine ständige Last von Schuld und Versäumnis verwandelt, ja sich regelrecht verdinglicht zur irreversiblen Faktizität des Vergangenen einerseits und zur unabwendbar determinierten Zukunft andererseits. Die wahnhafte Ausgestaltung dieser Erlebnisweisen deutet darauf hin, dass auch hier eine grundlegende oder transzendentale Störung der Zeitlichkeit vorliegt. Auf der anderen Seite ist die schizophrene Blockade und Inkohärenz etwa des Denkens bis hin zum Gedankenentzug doch grundsätzlich verschieden von der Hemmung und Zähflüssigkeit der Denkabläufe in der Depression, so dass wir die Zeitigungsstörung hier in anderer Weise zu fassen versuchen müssen.

Die phänomenologische Psychopathologie hat diesen Versuch in unterschiedlicher Weise unternommen, nämlich zum einen

  • in den „relationalen“ Konzeptionen der Stockung oder „Remanenz“ der Ich- gegenüber der Weltzeit (vgl. Straus 1960, v. Gebsattel 1954, Tellenbach 1983); zum anderen
  • in der „dimensionalen“ Konzeption einer Störung der Entfaltung der Zeitekstasen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (Kraus 1991, Kupke 2002).

In beiden Konzeptionen erscheint die Zeitpathologie des Depressiven allerdings primär als eine Hemmung des individuellen Werdens. Im Folgenden werde ich auf der Grundlage der Analysen in Abschnitt I eine mehrstufige Interpretation geben, die die Depression zum einen als Resultat einer intersubjektiven Desynchronisierung, zum anderen als Störung der transzendentalen Konativität („vitale Hemmung“) beschreibt. Damit nimmt die Analyse Elemente von beiden oben genannten Konzeptionen in modifizierter Weise auf.

1) Auslösesituation

Die typische Konstellation der Auslösung einer Melancholie hat bereits Tellenbach als Remanenz charakterisiert. Dazu gehört das Zurückbleiben hinter Verpflichtungen und Erwartungen, die Überforderung durch das Tempo äußerer Veränderungen, und das Unvermögen, lebensphasische Übergänge zu vollziehen (soziale Rollenwechsel, Geburt oder Auszug eines Kindes, Karrierestufen, Umzug). Die wichtigste Rolle für diese Desynchronisierung spielt das Unvermögen, in einen Trauerprozess einzutreten: Die erforderte Ablösung von vertrauten Mustern und Bindungen erscheint zu bedrohlich oder zu schmerzhaft, so dass der Patient an das Vergangene gebunden bleibt. Damit aber unterbleibt die aktive Syntheseleistung, die in Abschnitt I als Aufgabe des personalen Selbst beschrieben wurde (s.o S. 6): Zeit selbst zu vollziehen, also die Vergangenheit immer neu mit der Zukunft zu integrieren (und dazu gehört auch das Abschließen des Vergangenen), ist die Voraussetzung dafür, der Zeit nicht anheimzufallen und von ihr beherrscht zu werden.

Dem Unvermögen zur Trennung vom Vergangenen entspricht das grundsätzliche Bestreben des Typus Melancholicus, Diskrepanzen zu seiner sozialen Umwelt soweit als möglich zu vermeiden. Die Hypernomie, die Kraus (Kraus 1987) als wesentliches Merkmal der sozialen Identität des Melancholischen herausgearbeitet hat, ist auch eine „Hypersynchronie”. Bis in die Feinheiten des alltäglichen Umgangs hinein ist der Melancholische bemüht um fortlaufende Resonanz, Harmonie, Pünktlichkeit, rechtzeitiges Erledigen seiner Aufgaben und soziale Abstimmung. Er darf niemand etwas schuldig bleiben, denn seine Identität ist wesentlich von der sozialen Rollenzuweisung bestimmt. In identitätstheoretischen Begriffen ausgedrückt, überwiegt beim Typus Melancholicus das gewordene, definierte und vergegenständlichte Objekt-Ich gegenüber dem werdenden, spontanen und sich stets neu entwerfenden Subjekt-Ich; in Meads Terminologie das „me“ gegenüber dem „I“, oder die feste Rolle gegenüber dem offenen Entwurf (Mead 1973; Kraus 1991). Die Dominanz der Faktizität oder des Gewordenseins bedeutet eine mangelnde Zeitigung und Entwicklung der Person. Dies bedingt die Vulnerabilität des Melancholischen gegenüber den früher oder später unausweichlichen biographischen Rollenwechseln oder Brüchen.

2) Manifeste Erkrankung

Die depressive Erkrankung entspricht nun einem Umschlag von der sozialen in eine biologische Desynchronisierung. In der intersubjektiven Zeitlichkeit wäre demnach eine „Schaltstelle“ zu sehen, die eine gesamtorganismische Reaktion, nämlich eine psychophysiologische Stockung oder Stase hervorruft.13 Zunächst findet sich auf physiologischer Ebene eine Störung der biologischen Rhythmen wie der neuroendokrinen Zyklen, der Temperaturperiodik oder des Schlaf-Wach-Rhythmus. Der Verlust von vitalem Antrieb, Appetit, Libido, Interesse und Aufmerksamkeit bedeutet aber auch eine Reduktion der konativ-affektiven Dynamik impliziter Zeitlichkeit. Sie führt zum einen zur psychomotorischen Hemmung und zur Verlangsamung oder Stockung der gelebten Zeit. Sie äußert sich aber auch in einer zunehmenden Rigidität des gelebten Leibes, dessen sonst im Lebensvollzug aufgehobene Materialität hervortritt und sich in den depressiven Vitalstörungen bemerkbar macht: als Schwere, Erschöpfung, Oppression, Angst und allgemeine Restriktion. Man kann von einer Verdinglichung des gelebten Leibes oder einer Korporifizierung sprechen (Fuchs 2005a). In schweren Fällen mündet dies in den depressiven Stupor als buchstäbliche Erstarrung des Leibes.

Die depressive Psychopathologie bringt die soziale Desynchronisierung zum Ausdruck und steigert sie noch. Vergebliche Versuche, mit den Ereignissen oder Verpflichtungen Schritt zu halten, verstärken das Gefühl der Remanenz. Dazu kommt der Verlust der zwischenleiblichen Resonanz oder Schwingungsfähigkeit. Während Gespräche sonst von einer Synchronisierung leiblicher Gesten und Blicke begleitet sind (Krause u. Lütolf 1989), erstarrt der Ausdruck des Depressiven, und die Affektabstimmung mit den Anderen misslingt. Damit verbunden ist das Unvermögen, an den Menschen und Dingen emotional teilzunehmen, von ihnen angesprochen oder betroffen zu werden. Schmerzhaft erlebt der Kranke seine Leblosigkeit und Erstarrung im Kontrast zur Lebensdynamik der Umwelt. Diese Symptomatik, von den Patienten selbst häufig als „Gefühl der Gefühllosigkeit“ beschrieben, lässt sich auch als affektive Depersonalisation auffassen (Fuchs 2000, S. 107, S. 138; Kraus 2002): Das basale Selbsterleben ist, wie wir sahen, nicht nur an die transzendentale Synthesis gebunden, sondern auch an die transzendentale Selbstaffektion. Mit dem Versagen der konativ-affektiven Dynamik geht daher nicht nur ein Verlust der basalen Kontemporalität mit anderen, sondern auch eine tiefgreifende Selbstentfremdung einher.

3) Verdinglichung der Zeit

Betrachten wir nun die von Kuiper zu Beginn geschilderte Explikation und Verdinglichung der Zeit, die parallel zur Verdinglichung des gelebten Leibes verläuft. – Mit zunehmender Desynchronisation wird das „Nicht-mehr“ und „Zu-spät“ und damit die explizite Zeit als Last quälend erfahrbar. Der Depressive fällt aus der gemeinsamen Zeit heraus; er lebt in einer „anachronistischen“, zähflüssigen Eigenzeit. Dennoch läuft die äußere, intersubjektive Zeit für ihn weiter, d.h. über ihn hinweg. Durch diese Entkoppelung wird sie für ihn zur leeren, nur noch vergehenden Zeit, die er nicht mehr selbst erfüllen und gestalten kann. Diese Zeitigungsstörung lässt sich auch experimentalpsychologisch belegen: Depressive erleben eine Zeitdehnung, d.h. sie schätzen vorgegebene Zeitintervalle als länger ein als es der tatsächlich gemessenen, sozial konstituierten Zeit entspricht (Bech 1975, Kitamura u. Kumar 1983, Münzel et al. 1988, Mundt et al. 1998).

„Zur nackten Sukzession gerät Zeit, sofern unsere Kraft erlahmt, sie zu vollziehen,“ schreibt Theunissen (Theunissen 1991, S. 304). Diese verdinglichte, verräumlichte Zeit lässt sich auch unterteilen wie sonst nur die physikalisch messbare Zeit; Ausdruck davon ist das nicht seltene Auftreten von iterativen oder Zwangssymptomen. Ein klassisches Beispiel liefert die Fraktionierung der erlebten Zeit in dem Registrierzwang einer depressiven Patientin V.v. Gebsattels: 

„Ich muss unaufhörlich denken, dass die Zeit vergeht. Wenn ich jetzt mit Ihnen spreche, denke ich bei jedem Wort: Vorbei, vorbei, vorbei. Dieser Zustand ist unerträglich und erzeugt ein Gefühl von Gehetztheit. (…) Wassertropfen sind unerträglich und machen mich rasend, weil ich immer denken muss: Jetzt ist wieder eine Sekunde vergangen, jetzt wieder eine Sekunde. Ebenso wenn ich die Uhr ticken höre – Immer wieder: vorbei, vorbei“ (v. Gebsattel 1954).

Die Patientin erlebt die äußere Zeit fragmentiert („stotternd“), da sie sie nicht im Fluss des spontanen Werdens mitleben kann, sondern außerhalb von ihr bleibt. Sie muss nachträglich auf alles zurückkommen, was sie im Moment des Wahrnehmens oder Tuns nicht mitvollziehen konnte, jedoch nur um zu registrieren, dass der Eindruck oder die Bewegung schon „vorbei“ ist. Darin liegt eine oberflächliche Ähnlichkeit zur schizophrenen Nachträglichkeit. Doch fehlt hier nicht die transzendentale Synthesis des Zeitbewusstseins (daher erscheinen der Patientin ihre Erlebnisse nicht ich-fremd oder externalisiert), sondern nur die konative Dynamik und damit auch die Fähigkeit, die Zeit in übergreifenden intentionalen Bögen aktiv zu vollziehen.

Die Verdinglichung der erlebten Zeit betrifft aber auch die „Zeitekstasen“ der Vergangenheit und Zukunft.14 – Der Depressive kann sich auf der einen Seite nicht von seiner Vergangenheit losreißen: Längst begangene Fehler werden so erlebt, als seien sie eben erst geschehen – ein Paradox, das sich mit Kimura als ein fortdauerndes Perfekt anstelle eines Präteritums ausdrücken lässt (Bin Kimura, Zeit und Selbst, Tokyo 1982; zit. nach Kobayashi 1998, S. 168). „Ich begreife, dass die Zeit zwar vergangen, die Vergangenheit als Anklage aber noch gegenwärtig ist“, wie Kuiper es ausdrückt (Kuiper 1991, S. 156). Das Vergangene als Perfekt ist gerade nicht vergangen; es lässt sich nicht mehr vergessen und wird zu einer in der Gegenwart angehäuften Faktizität. Namentlich die Schuld wird zu einer feststehenden „Sache“, die sich nicht in der Zukunft aufheben, durch das sich weiter entwickelnde Verhältnis zu anderen bereinigen lässt: ”Man hat Sachen gesagt, die kann man nicht aus der Welt schaffen ... man kommt nicht mehr raus aus dem, was man gemacht hat.“

Die Herrschaft der Vergangenheit ist dabei nur die Kehrseite der erlahmenden konativen Dynamik, des Mangels an Antrieb, Bedürfnissen und Interessen, die sonst in die Zukunft weisen. Die Zukunft ihrerseits verliert den Charakter des Offenen, Unbekannten, Neuen und wird verdinglicht zum Verhängnis, zum unabwendbaren Unheil, zumindest zur starren Fortführung des Vergangenen oder zur Wiederkehr des Gleichen.

„Es ängstigte mich, dass Symphonien ein Ende haben. Wie ein Musikstück sich nach einer inneren Logik auf sein Ende zubewegt und sogar darauf zueilt, in unumkehrbarer Abfolge – so hatte sich mein Leben abgespielt, und was in der Vergangenheit geschehen war, ist unveränderlich, unwiderruflich“ (Kuiper 1991, S. 168).

Hier wird Zukunft als irreversibel zu einem Ende führender Ablauf erlebt, der schon aus der Vergangenheit bekannt ist. Sie nimmt selbst Perfekt-Form an und wird damit zum Futur II, vor allem in der von den Patienten häufig gebrauchten Klageform: Das befürchtete Ereignis (Ruin, Strafe, Tod) wird dann oder dann sicher eingetreten sein. Die Zukunft ist also versperrt, besetzt von der fixierten Gegenwart oder Vergangenheit. – Umgekehrt zieht sich die Möglichkeitsform der Zukunft, wie Binswanger bemerkt hat (Binswanger 1960, S. 26f.), in die Vergangenheit zurück und wird zum Konditionalis, zur leeren Möglichkeit: „Wenn ich dies doch nur getan / nicht getan hätte“.

In den beiden Dimensionen von Vergangenheit und Zukunft zeigt sich somit, dass die in der Depression explizierte Zeit vom Patienten nicht mehr vollzogen, nicht mehr aktiv synthetisiert werden kann, sondern als verdinglichte, quälende Macht über ihn herrscht: Die Vergangenheit vergeht nicht mehr, sondern bleibt wie ein Inkubus gegenwärtig; die Zukunft öffnet sich nicht mehr, sondern wird zu einem kompakten Hindernis.

4) Melancholischer Wahn

Die vollständige Desynchronisierung von der intersubjektiven Zeit wird durch den Übergang zum melancholischen Wahn markiert. Er lässt sich als die explizite Ausformulierung der basalen konativen Zeitigungsstörung auffassen: Vergangenheit und Zukunft sind nun endgültig „festgestellt“, erstarrt zum Perfekt der irreversiblen Schuld und zum Futur II des sicheren Ruins, Verfalls oder Todes. Zugleich ist die Rückkehr zu einer gemeinsamen intersubjektiven Zeit unvorstellbar geworden; die Anderen sind durch einen Abgrund getrennt und nicht mehr erreichbar. Mit der Erstarrung der Selbstzeitigung und dem Verlust der Kontemporalität geht aber auch die Perspektivenbeweglichkeit verloren, denn diese beruht wesentlich auf einer offenen Zukunft von alternativen Möglichkeiten. Der Patient hingegen ist gezwungen, sein Selbst mit seinem gegenwärtigen Erleben gleichzusetzen: Es war schon immer so und wird immer so sein – alle anderslautende Erinnerung oder Hoffnung ist Täuschung. Selbst die Erinnerung an die Genesung von einer früheren Depression bleibt für den Kranken abstrakt und ändert nichts an der Hoffnungslosigkeit der jetzigen. Ebenso ist seine vormalige Rechtschaffenheit nur Schein gegenüber seiner faktischen Verworfenheit, sie war nur vorgetäuscht, nur Betrug.

Im nihilistischen Wahn erreicht die Desynchronisierung das Extrem des Realitätsverlusts, des Nebeneinander zweier Welten.

Eine 65-jährige Patientin war der Überzeugung, dass ihr Leib, ihr Magen und die Gedärme sich zusammengezogen hätten, so dass kein Hohlraum mehr geblieben sei. Der ganze Körper sei ausgetrocknet und verfallen, sie habe keine Empfindung mehr. Auch die Umgebung erschien ihr leer und weit weggerückt. Schließlich äußerte sie, alle ihre Verwandten seien schon tot, sie sei alleine auf der Welt und müsse in ihrem toten Körper ewig weiterleben (Fuchs 2000, S. 112).

Hier wird der verdinglichte Körper buchstäblich als Leichnam erlebt, und die anderen sind gestorben. Die gelebte gemeinsame Zeit ist existiert nicht mehr, und an ihre Stelle tritt eine erstarrte Zeit, eine „negative Ewigkeit“. Ähnlich hat es Kuiper in seiner Selbstschilderung beschrieben:

„Jemand, der meiner Frau glich, ging neben mir, und meine Freunde besuchten mich. (...) Alles ist genauso, wie es sein würde, wenn es normal wäre. Die Gestalt, die meine Frau darstellte, erinnerte mich ständig daran, wie ich ihr gegenüber versagt hatte. Was wie das normale Leben aussieht, das ist es nicht. Ich befand mich auf der anderen Seite. Und nun wurde mir auch klar, wie das mit der Todesursache gewesen war (...) Ich war gestorben, aber Gott hatte dieses Geschehen meinem Bewußtsein entzogen (...) Eine härtere Strafe kann man sich kaum vorstellen. Ohne zu wissen, dass man gestorben ist, befindet man sich in einer Hölle, die bis in alle Einzelheiten der Welt gleicht, in der man gelebt hat, und so lässt Gott einen sehen und fühlen, daß man nichts aus seinem Leben gemacht hat“ (Kuiper 1991, S. 136).

Hier wird die Welt wird zu einer Scheinszenerie, die als perfides Strafgericht fungiert; die anderen sind zu Attrappen oder Phantomen geworden. Die vollständige Entkoppelung von der intersubjektiven Zeit und der Verlust der Resonanz mit der Umwelt ist offenbar nur mit dem Ausdruck des Gestorbenseins beschreibbar. Damit nähert sich der nihilistische Wahn der transzendentalen Depersonalisation des Schizophrenen, wenngleich er nicht auf einer Störung der transzendentalen Synthesis, sondern auf dem Verlust der konativ-affektiven Dynamik beruht. –

Zusammmengefasst wird die melancholische Depression durch eine Desynchronisierung zwischen Individuum und Umwelt ausgelöst, die in eine physiologische Desynchronisierung umschlägt. Als vitale Hemmung erfasst sie dann auch die konativaffektive Basis des Erlebens und damit die transzendentale Selbstkonstitution. Die resultierende Retardierung der gelebten Zeit verstärkt noch die Abkoppelung von der sozialen Umwelt. In der Folge tritt die Zeit explizit und verdinglicht hervor, namentlich in einer Verdinglichung der Vergangenheits- und Zukunftsdimension. Nicht mehr fähig, die explizierte Zeit aktiv zu vollziehen, unterliegt der Melancholische ohnmäctig ihrer Herrschaft. Im depressiven Wahn verliert er schließlich auch die Perspektivenbeweglichkeit, die auf einer offenen Zukunft beruht, und ist nun gänzlich mit seinem gegenwärtigen Zustand identifiziert, ohne zu ihm noch Distanz gewinnen zu können. – Somit verknüpft sich in der melancholischen Depression eine Störung der relationalen, intersubjektiven mit einer Störung der dimensionalen Zeitordnung (s.o. S. 22f.), allerdings auf der Grundlage der konativen Störung.

IV. Resümee

Die Untersuchung hatte zum Ziel, Grundlagen für eine Psychopathologie der subjektiven und intersubjektiven Zeitlichkeit zu formulieren und paradigmatisch auf zwei zentrale psychiatrische Erkrankungen anzuwenden. Dazu habe ich die implizite, gelebte Zeit von der expliziten, erlebten und biographischen Zeit unterschieden. Die implizite Zeit beruht auf den transzendentalen Voraussetzungen der protentional-retentionalen Synthesis und auf der konativ-affektiven Dynamik; beide liegen der Kohärenz und Kontinuität des basalen, präreflexiven Selbsterlebens zugrunde. Die explizite Zeit resultiert aus einer Unterbrechung und Negation der primären Dauer und entfaltet sich in die dimensionale Zeit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Auch auf dieser zweiten Ebene ist eine Synthesis erfordert, die nun im personalen Vollzug der Zeit geleistet wird, nämlich durch die Integration von entworfener Zukunft und angeeigneter Vergangenheit; damit konstituiert sich die persönliche Lebensgeschichte.

Beide Ebenen der Zeitlichkeit sind aufs engste verknüpft mit der Intersubjektivität: Auf der impliziten Ebene sind wir durch eine basale Kontemporalität, basierend vor allem auf zwischenleiblicher Resonanz, mit den anderen verbunden. Auf der expliziten Ebene resultiert die erlebte Zeit besonders aus Desynchronisierungen – Remanenzen oder Antezedenzen – im Verhältnis der Eigenzeit zur sozialen Zeit. Die Zeit, die uns äußerlich und scheinbar eigenständig gegenübertritt, wird primär in Relationen zu den sozialen Zeitabläufen bzw. im Verhältnis zu den anderen erfahren. Störungen in den subjektiven Zeitsynthesen, sei es auf implizit-präreflexiver oder auf explizit-personaler Ebene, haben unmittelbare Auswirkungen auf die intersubjektive Zeitlichkeit und umgekehrt.

Die beiden paradigmatische untersuchten Erkrankungen, die Schizophrenie und die melancholische Depression, betreffen vor allem die basale Ebene der gelebten Zeit, nämlich einerseits die transzendentale Synthesis, andererseits die transzendentale Konativität. Sie stehen aber, wie sich besonders an der Melancholie gezeigt hat, in enger Beziehung und Wechselwirkung zu Störungen bzw. Desynchronisierungen auf der personalen bzw. biographischen Ebene. Anders verhält es sich mit neurotischen oder reaktiven Störungen: Sie spielen sich nur innerhalb der biographischen Ebene der Zeitigung ab, betreffen also nicht das basale Selbsterleben, können allerdings zu Fragmentierungen der narrativen Identität führen (vgl. etwa Fuchs 2007b). Diese psychopathologischen Erscheinungsformen der Zeitlichkeit näher zu untersuchen, muss einer anderen Untersuchung vorbehalten bleiben, die sich auf die hier erarbeiteten Begrifflichkeiten stützen kann.

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Endnoten

1 Exemplarisch seien Theunissens Studien in seiner „Negativen Theologie der Zeit“ (1991) oder Grätzels Untersuchungen zur „Organischen Zeit“ (1993) genannt, die sich jeweils auf die genannten Psychopathologen beziehen. Vgl. im Überblick auch Blankenburg (1992).

2 Das basale Selbsterleben entspricht im Grunde Kants „transzendentaler Apperzeption“ („Das ‚Ich denke“ muss alle meine Vorstellungen begleiten können“), wobei hier freilich nicht an ein empirisches oder personales Ich zu denken ist, weshalb der Begriff des Selbst oder der Ipseität passender erscheint; vgl. Merleau-Ponty 1966, S. 484, bzw. Henry 1965 sowie die neueren Analysen von Zahavi 1999. – Natürlich hatte bereits Husserl den Zusammenhang von Kontinuität und Selbsterleben im Blick: „Der Fluss des immanenten zeitkonstituierenden Bewusstseins ist nicht nur, sondern so merkwürdig und doch verständlich geartet ist er, dass in ihm notwendig eine Selbsterscheinung des Flusses bestehen und daher der Fluss selbst notwendig im Fließen erfassbar sein muß. Die Selbsterscheinung des Flusses fordert nicht einen zweiten Fluss, sondern als Phänomen konstituiert er sich in sich selbst“ (Husserl 1969, S. 83). – Vgl. schließlich auch Merleau-Ponty (1966, S. 480): „Wir müssen die Zeit als Subjekt, das Subjekt als Zeit begreifen“ (Hvhb. v. Vf.).

3 Diese „energetische“ oder affektive Seite der Intentionalität ist in den Hauptschriften Husserls noch kaum präsent, tritt aber im späteren Werk, insbesondere bei der Rolle der Affektion für die Aufmerksamkeit, zunehmend in den Vordergrund (vgl. Depraz 1994, 1998).

4 Freilich sind auch die zeitkonstituierenden Einflüsse rhythmischer Prozesse zu beachten, wie von Ein- und Ausatmen, Schlafen und Wachen, Tag und Nacht, usw. Solche Erfahrungen rhythmischen Wechsels enthalten jedoch nicht den „Riss“ oder Bruch eines Kontinuums, der die Vergangenheit als verlorene zu erkennen gibt und damit die Irreversibilität des Zeitablaufs eindringlich erfahrbar macht.

5 Unter diesem Aspekt hat vor allem Theunissen (1997) die Zeit untersucht, insbesondere im Rückgriff auf psychopathologische Analysen der Melancholie.

6 Kupke (2002) hat diese Polarität als Synthesis post factum oder faktische Synthesis und als Synthesis ante factum oder genetische Synthesis beschrieben.

7 Schilderung einer schizophrenen Patientin Bin Kimuras (In: Psychopathologie der Selbstbesinnung, Tokyo 1978, 18; zit. nach Kobayashi 1998, 114).

8 So ein schizophrener Patient bei Chapman (1966).

9 Papoušek u. Papoušek 1987, 1991. – Es sei jedoch betont, dass die frühe Kommunikation nicht etwa idealerweise eine „vollständige Synchronisierung“ bedeutet, sondern immer Abfolgen von Passungen („matches“) und Fehlpassungen („mismatches“) einschließt, die für die Abgrenzung des Kindes von der Mutter auch wichtig sind (Tronick u. Cohn 1989). Synchronisierung meint also eine rhythmisch-phasische Abstimmung, nicht vollständige Übereinstimmung.

10 vgl. noch einmal Kants Analyse der transzendentalen Apperzeption: „Das: Ich denke muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte (...) Denn die mannigfaltigen Vorstellungen, die in einer gewissen Anschauung gegeben werden, würden nicht insgesamt meine Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesamt zu einem Selbstbewusstsein gehörten (...), weil sie sonst nicht durchgängig mir angehören würden“ (Kritik der reinen Vernunft, Transzendentale Analytik, § 16 ). – Die Formulierung „sonst würde etwas in mir vorgestellt werden“ bezeichnet genau die Entfremdung der Gedanken, die Schizophrene tatsächlich erleben („es denkt“).
Die wahnhafte Fremdzuschreibung der Erlebnisse im Sinne der Gedankeneingebung oder Willensbeeinflussung durch andere lässt sich allerdings nicht mehr aus der Fragmentierung des basalen Selbst alleine verstehen, sondern beruht auf der für das personale Selbst konstitutiven Alterität; dies kann hier nicht weiter ausgeführt werden (vgl. dazu Fuchs 2000, S. 171ff.).

11 Diese Fallschilderung aus der eigenen Klinik verdanke ich Bürgy (2003).

12 Vgl. Levinas (1995, S. 51): „Die Situation des Von-Angesicht-zu-Angesicht wäre der eigentliche Vollzug der Zeit; das Übergreifen der Gegenwart auf die Zukunft ist nicht die Tat eines einsamen Subjekts, sondern das intersubjektive Verhältnis.“ – „Das Verhältnis zur Zukunft, das ist das eigentliche Verhältnis zum anderen“ (ebd., S. 48).

13 Aus soziobiologischer Sicht lässt sich die Depression auch als evolutionärer Schutzmechanismus bei sozialer Überforderung oder Niederlage verstehen, der in einer psychophysiologischen Blockade oder Lähmung, in passiv-submissivem und Demutsverhalten gegenüber Stammesgenossen besteht, und der das Individuum vorübergehend von sozialen Anforderungen bzw. Konkurrenzsituationen dispensiert (vgl. Pillmann 2001).

14 Die Verdinglichung der Zeit in der Melancholie hat besonders Kobayashi herausgearbeitet (1998, S. 163ff.).

 

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs
Leiter der Sektion "Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie"
Zentrum für Psychosoziale Medizin
Voßstr. 4
69115 Heidelberg
thomas.fuchs@med.uni-heidelberg.de
www.ThomasFuchs.uni-hd.de

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, geb. 1958, nach Studium der Medizin, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte Promotionen in Medizingeschichte und Philosophie, Habilitation in Psychiatrie, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, Leiter der Sektion „Phänomenologische Psychopathologie“. Seit 2008 Fellow am interdisziplinären Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg.
Forschungsschwerpunkte: Phänomenologische Anthropologie und Psychopathologie, Theorie der Psychiatrie und Neurobiologie.




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