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Erzählen wollen und erzählen können


Jann E. Schlimme
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, September 2011, Editorial]

Editorial zu den Beiträgen "Demenz und Postmoderne" von A. Pillen und "Die Zeitlichkeit biographischer Erfahrung" von Chr. Kupke

Geschichten, die wir von uns erzählen, weisen eine große Fülle von Themen auf. Unsere Kultur bietet einen reichen Fundus an Fäden, denen wir folgen können, wenn wir von unserem Leben erzählen wollen. Aber auch wenn eine Person um diesen Fundus weiß und eine Anzahl verschiedener Erzählungen kennt, ist es keineswegs selbstverständlich, im Bericht der eigenen Geschichte hierauf zurückzugreifen. Es geht nämlich auch um die Frage, ob wir andere Erzählungen anstimmen wollen und können. Nicht selten gefällt uns eine Deutung bestimmter Lebensumstände derart gut, dass wir sie in den entscheidenden Momenten immer wieder hervorzaubern; auch wenn sie wichtige Aspekte unterschlägt oder in einer erzählerischen Sackgasse endet. Letzteres ist häufig der Fall, wenn unerwartete Ereignisse unsere gewohnten Lebensbahnen durchschneiden. Und zuweilen fällt uns die passende Geschichte einfach nicht ein. Insbesondere auf chronische Krankheiten oder dramatisch veränderte Lebensumstände können wir uns oftmals trotz intensiver Bemühungen keinen Reim machen. Auch wenn wir alle Geschichten von 1001 Nacht, den Gebrüdern Grimm oder Hans-Christian Andersen nochmals lesen und Stammgast im lokalen Literaturcafé sind. Für die eigene Geschichte sind und bleiben wir zuweilen blind. Dieser Umstand ist uns bekannt. Seine theoretische Erörterung ist Bestandteil vieler psychiatrischer, psychotherapeutischer und philosophischer Diskurse. Wirklich erstaunt sind wir nur dann, wenn uns dies selbst geschieht; wenn uns beispielsweise ein anderer auf einen Faden in unserer Geschichte aufmerksam macht, den wir beharrlich übersehen hatten. Nicht selten braucht es hierzu das richtige Publikum, den geeigneten Zuhörer.

Selbstbestimmung ist dabei immer ein Aspekt in unseren erzählten Geschichten. Egal, welches andere Thema im Vordergrund oder Hintergrund steht. Schließlich geht es um uns selbst; und außerdem sind wir derjenige, der die Geschichte erzählt. Dass es hierbei nicht immer um gelungene Selbstbestimmung geht, ist gerade im Feld der psychologischen Medizin eine Selbstverständlichkeit. Spezifisch fehlende Selbstwirksamkeit bis hin zur umfassenden Ohnmacht, sei es "nur" gefühlt oder gar wahnhaft gewusst, machen nicht selten einen Faden in den Geschichten psychisch kranker Menschen aus. Aber auch das gegenteilige Extrem einer perfektionierten Selbstkontrolle bis hin zur Allmacht ist professionellen Mitarbeitern aus dem Tätigkeitsfeld der psychologischen Medizin bekannt. Ideal ist es sicherlich, wenn ein Mensch eine Geschichte so von sich erzählen kann, dass nicht nur die Einbettungen leiblicher, situativer und interpersonaler Art kenntlich werden, sondern auch der Betreffende als Person in dieser Geschichte. Dann nämlich, so dürfen wir jedenfalls annehmen, hat er auch eine lebensgeschichtliche Einbettung der vermutlich tiefgreifenden Veränderung leisten können, die ihn befallen und betroffen hat. Dabei gilt: ebenso selbstverständlich wie der Umstand, dass der Betreffende durch seine Erkrankung verändert wurde, oftmals um den Preis eines Verlust sowohl des zuvor Gewohnten und Selbstverständlichen als auch des vormals Erwartbaren und Erhofften, ist der Umstand, dass der Betreffende dennoch dieselbe Person geblieben ist. Um diese janusköpfige Qualität (psychischer) Erkrankungen angemessen in die eigene Erzählung aufzunehmen und einzubetten, ist üblicherweise neben einer eigenständigen Reflexion auch die Hilfe eines Gesprächspartners erforderlich. Eines Gesprächspartners allerdings, der in dem Betroffenen nicht nur den Lieferanten psychopathologischer Symptome, checklistensortierter Items oder therapieplanungsrelevanter Daten sieht. Sondern es benötigt einen Gesprächspartner, der - abgesehen von allen professionellen, methodengeleiteten und konkreten Therapiemaßnahmen - jedenfalls dem Kranken als Person zuhören will und kann. Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und sich zum geeigneten Moment wieder zurückzuziehen, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit in der psychologischen Medizin. Aber es ist dennoch eine Herausforderung, eben eine der alltäglichen Sorte.

Die Spannung von Erzählen können und Erzählen wollen ist also vielfältig. Sie systematisch zu entwickeln, ist hier nicht der richtige Ort. In den vorstehenden Abschnitten sind nur einige Unterscheidungen skizziert worden. Dabei wurde deutlich, dass sowohl beim Wollen als auch beim Können Lenkungen auf einer reflexiven und einer präreflexiven Ebenen möglich sind. Sicherlich ist es unwahrscheinlich, dass ein Mensch seine Geschichte ohne explizite Bezugnahme zu sich im Sinne eines automatischen Erzählens von sich gibt. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass auch unser reflexiver Bezug zu uns selbst präreflexiven Vorzeichnungen unterliegt. Nirgends wird dies deutlicher als im Erzählen von uns selbst. Auch die beiden, hier gemeinsam veröffentlichten Texte widmen sich dieser Spannung von Wollen und Können. Christian Kupke thematisiert die Zusammenhänge von Biographie und Zeit, von erzählter Lebensgeschichte mit ihrer Vergangenheit und Zukunft. Er streicht insbesondere die Notwendigkeit einer Biographiearbeit für die psychologische Medizin heraus. Angelika Pillen greift diesen Zusammenhang exemplarisch im Zusammenhang mit der Alzheimer-Demenz auf. Sie erinnert uns daran, dass der Rahmen unserer Lebensgeschichten nicht nur der einer erfolgreich erworbenen und verteidigten Autonomie ist. Gerade die Alzheimer-Demenz zeige, wie Pillen betont, dass unsere diversen Einbettungen auch auf andere Weise sinnstiftend erzählt werden können. Und sie stellen beide besonders heraus, dass es eben eine Zuhörerschaft benötigt, zu der gesprochen werden kann. Auch dies ist ein Können, manchmal vielleicht auch ein Dürfen. Es räumt dem Anderen erst die Möglichkeit ein, entsprechend seiner derzeitigen Möglichkeiten zu erzählen. Wenn er diesen Freiraum für sich nicht nutzen will, so ist ihm dies zuzugestehen. Jedenfalls könnte dies aber kein Argument dafür sein, dass Zuhören von vornherein nicht anzubieten.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, das Journal für Philosophie und Psychiatrie begeht in diesem Herbst bereits seinen dritten Geburtstag. Auch dies ist eine Geschichte, die erzählt werden könnte, wenn auch eine Kurzgeschichte. Im November 2008 erschien das JfPP zum ersten Mal. Damals noch in "Heftform" - wenn man das bei einem online-Journal überhaupt sagen kann. Mittlerweile haben wir auf eine andere Erscheinungsweise umgestellt. Nun erscheint jeder Artikel für sich und zu seiner eigenen Zeit. Dies schließt natürlich nicht aus, dass manche Texte eine derart große inhaltliche Verwandtschaft aufweisen, dass sie besser gemeinsam erscheinen. Genau dies ist bei den beiden folgenden Artikeln der Fall. Der glückliche Umstand, dass sie nahezu gleichzeitig zur Begutachtung eingingen und in kontinuierlicher Parallelität den Begutachtungsprozess durchliefen, erlaubt nun auch die gemeinsame Veröffentlichung. Und da der eine Text zudem aus der Feder meines herausgeberischen Kollegen Christian Kupke stammt, scheint mir dies allemal ein Editorial wert zu sein. Auch wenn Editorials in kontinuierlich erscheinenden online-Journals eher eine Rhapsodie darstellen, anstatt das Heft zu eröffnen und einzuleiten, ist es mir als Herausgeber eine Freude und Ehre, Sie als Leserinnen und Leser des Journals für Philosophie und Psychiatrie auf diesem Weg direkt ansprechen zu können. Denn dies ist schließlich die wesentliche Funktion eines Editorials, die Begrüßung der Leserinnen und Leser. In diesem Sinne grüße ich Sie ganz herzlich und hoffe, dass Sie uns auch weiterhin gewogen bleiben.

Mit den besten Grüßen
Ihr
Jann E. Schlimme




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