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PSYCHIATRISCHE ERKENNTNIS – eine Grundlegung, von Klaus Brücher


Felix Tretter
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Mai 2011, Rezension]


Klaus Brücher: PSYCHIATRISCHE ERKENNTNIS - eine Grundlegung.
Berlin: Parados Verlag, 2010, 106/112 Seiten, ISBN 978-3-938880-31-9

Der Status der Psychiatrie als praktische Wissenschaft ist in vielerlei Hinsicht problematisch und wird von einigen Fachvertretern auch gar nicht beansprucht. Seit Jaspers, der die Reflektion der Methodologie der Psychiatrie einforderte, gibt es nur wenige Ansätze, die erkenntnistheoretischen Grundlagen psychiatrischen Handelns zu untersuchen. Traditionell geht es dabei um die Möglichkeit der Objektivierung psychischer Prozesse im Verhältnis zum Primat der Subjektivität, also des Erlebens der Störung und des gestörten Erlebens des Kranken, der mit dem Therapeuten über seinen Zustand kommuniziert. Die modernen technischen Verfahren der Psychiatrie scheinen die Objektivierung des Psychischen zu ermöglichen, doch zeigen genaue wissenschaftsphilosophische Analysen, dass die Gehirnbefunde weiterhin nur Korrelate des Psychischen sind. Der heute vorherrschende monistische und  reduktionistische Ergebnisansatz der (biologischen) Psychiatrie geht allerdings bereits soweit, dass die Auflösung der klassischen Krankheitseinheiten, wie sie von Kraepelin, Bleuler und anderen herausgearbeitet wurden, zugunsten von Biomarkern und Endophänotypen gefordert wird.

Es ist daher an der Zeit, dass ein Buch zur psychiatrischen Erkenntnis in den Umlauf kommt. Ein derartiger Text wurde nun von Klaus Brücher, Psychiater und Psychotherapeut, vorgelegt. Es ist von der Erkenntnistheorie, dem Leib-Seele-Problem, dem Verhältnis von Erklären und Verstehen, von Objektivität im Verhältnis zur Subjektivität und schließlich von der "objektiven Hermeneutik" die Rede, die als Grundlage des Diagnostizierens und Therapierens angesehen wird. In diesem Werk wird grundlegend im Sinne von Karl Popper von einem Drei-Welten-Konzept mit den Bereichen des Physischen, des Psychischen und einer Welt der Sinnstrukturen ausgegangen. In diesem konzeptuellen Rahmen wäre das menschliche Bewusstsein das Organ für die Wechselwirkung mit den Gegenständen der Welt 3, das sie versteht, vermehrt, an ihnen teilnimmt und sie zur Wirkung auf Welt 1 bringt. Die Welt 3 kann über eine "objektive Hermeneutik" nach Ulrich Oevermann erschlossen werden, wonach objektive, aber latente Sinnstrukturen existieren. Objektive Hermeneutik ist keine Psychologie, sondern Strukturanalyse von Texten und Interaktionen. Herr Brücher macht deutlich, dass die Welt 3, also die Sinnebene, die Ermöglichung von Psychiatrie begründet. Brücher geht demnach davon aus, dass der Mensch in der Welt ist und dass er in der Interaktion mit dem Anderen sich konfiguriert, selbst versteht, darstellt usw. Entscheidend ist also für das Menschsein der sinnhafte Rahmen, der sich vor allem in der Sprache darstellt. Im Sinne der Konzeption einer objektiven Hermeneutik ist die subjektive Hermeneutik, die am Mentalen und Subjekt ansetzt, nur deren Seitenaspekt.

Ein wesentliches Konstrukt ist die Fallstruktur, sie stellt sich in der Differenz von objektiven Bedeutungsmöglichkeiten und faktisch realisierter Bedeutung dar. Am Beispiel einer Interaktionssequenz in einem Übergangswohnheim erläutert Herr Brücher diese Konzepte und ihre Umsetzbarkeit in der Praxis.

Der Wurzeln des Ansatzes von Brücher liegen im Bereich der hermeneutischen Soziologie, und zwar vor allem in der Phänomenologie des Alltagslebens und des Alltagshandelns etwa von Harold Garfinkel. Dabei betont er aber auch die Bedeutung der Philosophie des Geistes in Hinblick auf das Gehirn-Geist-Problem, das er als nicht gelöst ansieht. Auch die wissenschaftstheoretische Dimension, bei der auch das Verhältnis von Erklären und Verstehen beleuchtet wird, findet in diesem Buch seinen Platz.

Das Buch von Brücher ist ein wertvoller Grundlagentext  für die Methodologie der Psychiatrie, der zur Philosophie und Soziologie kompetente Verbindungen setzt. Die Ausarbeitungen von Brücher sind klar, verständlich, nachvollziehbar und doch auf hinreichend abstraktem Niveau. Sie flechten in geschickter Weise Originalzitate der prominenten Autoren aus den verschiedensten Bereichen an passender Stelle ein. Dieses Buch, das mit 106 Textseiten in einem kleinen Format mit übersichtlicher kapitelweiser Gliederung auch für den eiligen Leser gut verarbeitbar ist, kann eigentlich nur jedem nachdenklichen Psychiater empfohlen werden.


Prof. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter
Bereichsleiter
Kompetenzzentrum Sucht
Isar-Amper-Klinikum gemeinnützige GmbH
Klinikum München-Ost
Ringstr. 9
85540 Haar
Tel.: 089/4562-3708
Fax: 089/4562-3754
felix.tretter@iak-kmo.de


Felix Tretter, Leiter der Suchtabteilung im Isar Amper Klinikum, Klinikum München Ost, ist Nervenarzt (Dr. med.) mit Schwerpunkt Sucht, Psychologe (Dr. phil.), Sozialwissenschaftler (Dr. rer. pol.) und Systemforscher. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und sich mit Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie befasst und u. a. ein Buch mit dem Titel "Ist das Gehirn der Geist?" (gem. m. Dr. C. Grünhut) verfasst.




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