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Editorial


Christian Kupke
[Journal für Philosophie & Psychiatrie, Januar 2012, Editorial]

Editorial zu den Beiträgen "Die Rückkehr des Sozialen in der kognitiven Neurowissenschaft" von K. Vogeley, "Zur Intersubjektivität psychiatrischer Diagnosen: Die Rolle des Selbst" von K. Leferink und "Amoralisch sein: Psychopathie und moralisches Unvermögen" von Th. Schramme

 

Die in dieser Edition des Journals veröffentlichten Texte von Thomas Schramme, Klaus Leferink und Kai Vogeley gehen auf drei Vorträge zurück, die auf dem DGPPN-Kongress 2010 in Berlin in einem Symposium mit dem Titel "Intersubjektivität und psychisches Kranksein" gehalten wurden. Die drei Autoren gehen auf sehr unterschiedliche Weise und von äußerst disparaten Ausgangspunkten an die Thematik heran:

 

Kai Vogeley arbeitet mit einem neurowissenschaftlich operationalisierbaren Intersubjektivitätsbegriff im Sinne sozialer Kognition und stellt in diesem Zusammenhang – ausgehend von Untersuchungen des Gestaltpsychologen Fritz Heider und des Anthropologen Michael Tomasello – die Überlegung an, dass es das intersubjektiv-intentionale Verstehen von Personen und nicht das objektiv-kausale Verstehen von Dingen und Sachverhalten sei, das den Menschen als Menschen auszeichne. Tatsächlich, so Vogeley, könne man im medialen präfrontalen Kortex des menschlichen Gehirns eine Reihe von neuralen Basismechanismen und -netzwerken für intersubjektiv-intentionale Leistungen identifizieren, die auch im so genannten "Hirnruhestand" noch aktiv seien – was darauf hindeute, dass der Mensch in seiner fundamentalen neurobiologischen Ausstattung schon stets auf intersubjektive Bezüge eingestellt sei.

 

Klaus Leferink stellt von einer anderen, psychologisch-psychotherapeutischen Perspektive aus ein soziales Selbst vor, dessen Interaktion mit anderen Personen im Laufe seiner Entwicklung verinnerlicht und zu einem inneren Interaktionsmuster weiterverarbeitet wurde, eine, wie er schreibt, intersubjektive Subjektivität. Dabei zeigt er, dass die Frage nach der Intersubjektivität psychiatrischer Diagnosen immer mit der Frage nach dem Selbstanteil psychiatrischer Krankheiten zu verbinden ist bzw. umgekehrt eine Diagnose des Selbst notwendig ist, um den Intersubjektivitätsaspekt psychiatrischer Krankheiten zu erfassen. Diese Diagnose des Selbst begreift Leferink als eine "verteilte Diagnose", die mit einer eigentümlichen Umkehrung einhergeht: "Während im Normalfall Patienten auf Diagnosen verteilt werden, könnten wir auch Diagnosen auf Patienten verteilen, d.h. auf der Basis existierender Diagnosen für jeden Patienten die Kombination der 'Anteile' ermitteln, die seine individuelle Störung ausmachen."

 

Thomas Schramme wiederum spricht nicht explizit von Intersubjektivität, aber seine – aus einer weithin unbekannten Argumentation Gilbert Ryles abgeleitete – These, dass es im moralphilosophischen Sinne keine echten Amoralisten geben kann, hat einen starken intersubjektivitätsheoretischen Kern. Es ist nämlich, wie er sagt, die moralische Erziehung, die uns zu moralischen Personen macht. Und diese wiederum ist – zweifellos – ein intersubjektives Geschehen, dessen Wirkungen (Kenntnis des Unterschieds zwischen dem ethisch Richtigen und dem ethisch Falschen, kognitive und emotionale Empathie usw.) wir nicht einfach rückgängig machen können. Das Selbst – in diesem Fall das moralische Selbst – ist also auch für Schramme, wie für Vogeley und Leferink, ein soziales Selbst. Und dessen Störungen können deshalb – wie für ihn so auch für die anderen beiden Autoren – immer nur Störungen der Intersubjektivität sein, der Grundlage unserer Sozialität.

 

Wir freuen uns, dass wir diese drei Texte nun hier im JfPP veröffentlichen können. Thomas Schrammes und Klaus Leferinks Texte waren bislang unveröffentlicht, während der Text von Kai Vogeley in einer leicht modifizierten Fassung bereits einmal publiziert wurde, und zwar in dem von Chr. Kupke und B. Brückner im Parodos Verlag Berlin 2011 herausgegebenen Band "Das Verschwinden des Sozialen", den wir unseren Lesern zur Lektüre empfehlen möchten. Es handelt sich dabei um den zehnten Band einer Veröffentlichungsreihe der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche, einer mit dem JfPP eng kooperierenden, in Berlin ansässigen Fachgesellschaft von Medizinern, Psychiatern, Psychologen und Philosophen, die sich seit mehr als 15 Jahren einem Thema verpflichtet fühlt, das auch das zentrale Anliegen des JfPP ist: dem wechselseitigen Bedingungsverhältnis von Philosophie und Psychiatrie.

 

Es grüßt Sie mit besten Wünschen für ein produktives Jahr 2012

 

Ihr Christian Kupke




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